Gordon Gekko und die Wonnen der Devoten (Spiegelreflexionen)

Schaut man mal wieder in den Spiegel, um zu sehen, ob die Dauerwelle noch sitzt, so kann es passieren, dass einem das etwas unangenehme Allessehende Auge entgegenblickt – das von der 1-Dollar-Note. Nehmen Sie mal den „SPIEGEL“ 48/2008 („Ich spiele immer nach Regeln“) zur Hand: Auf dem raffinierten Foto von S. 76 findet sich das rechte Auge tatsächlich in der Bildmitte. Ich schaute etwas genauer hin, da ich eine merkwürdige körperliche Reaktion hatte: Fluchtspiegelreflexe. Tatsächlich folgt einem dieses Auge so, wie einen die Augen von Personen auf bestimmten Gemälden Alter Meister von jedwedem Blickwinkel aus nachschauen.

Interview mit George Soros im SPIEGEL, Heft 48/2008
Interview mit George Soros im SPIEGEL, Heft 48/2008

Aber jetzt zum Thema: „Vor dem Sonnenaufgang kommt erst einmal die Finsternis.“ Kapiert? So ist’s halt auf der Welt, und so soll’s bleiben: Die Rede ist vom Interview eines als intellektuell behaupteten Nachrichtenmagazins mit dem berüchtigten Finanzspekulanten Gordon Gekko, dem Geldguru György Schwartz und der Krisenkassandra Georgina Soros.

Der Spiegel trat gleich mit 3 Musketieren gegen den üblen Alten an, einen der größten professionellen Profiteure unseres tatkräftig deregulierten Geldsystems, 9 Milliarden Dollar schwer und mithin Mitglied im Club der reichsten Menschen dieses Erdballs. In Steuerparadiesen wie den Niederländischen Antillen und Curaçao strich er zeitweise Gewinne von 34,5 % pro Jahr ein.

Wer sich auf ein flottes Interview mit ein paar bohrenden Fragen und schnittigen Säbelstreichen gefreut hatte, wurde herbe enttäuscht: Es kam nicht einmal zu dem üblichen Spiegelgefecht. Das Interview war schon zu Ende, da es nicht anfangen konnte. Denn Gekko spielt halt immer nach (seinen) Regeln. Da kann man nichts machen.

Stattdessen die devote Darbietung von Artigkeit und demonstratives Desinteresse, Fragen zu stellen. Obgleich überall bekannt ist, dass sich Gordon keineswegs immer an die Regeln hält. So unwahrscheinlich es klingt: Er konnte sogar vorbestraft werden, allerdings – alle Menschen sind gleich vor dem Gesetz – erst nach 14 Jahren. Ein französisches Gericht verurteilte ihn 2002 zu einer Strafe von 2,2 Millionen Dollar wegen Insiderhandels bei einem Übernahmeangriff (durch Kauf und Verkauf von Aktienpaketen) auf die börsennotierte französische Bank „Société Générale“ anno 1988. Dies entsprach in etwa der Summe seines Gewinnes bei diesem „Geschäft“. 2006 bestätigte der höchste französische Gerichtshof das Urteil erneut. Gordon klagt nun wegen dieses Urteil vor dem europäischen Gerichtshof für Menschenrechte; denn durch die 14 Jahre Verzug wurde ein Menschenrecht bei ihm gekränkt, das der Gleichheit. Das leuchtet ein: Denn wer den Dachstuhl in Brand steckt, darf auch als erster nach der Feuerwehr rufen, und wer kann, verschleppt und verzögert sein Verfahren und verklagt dann die Schnecke, dass sie sein Haus schleppen muss.

Dem Manne geschah Unrecht: Denn durch seine vielfältigen Tätigkeiten, Mitglied- und Vorstandschaften bei politisch entscheidungsfindenden Organisationen konnte er gar nicht anders, als zu einem Insider zu werden; wenn nicht Dauerprimärinsider so doch Sekundärinsider. Das behinderte ihn und nahm ihm die Chancengleichheit …

Zu diesbezüglich relevanten Organisationen gehör(t)en so illustre wie der Council on Foreign Relations, ein Club böser alter Männer, die dort den demokratischen Entscheidungsprozess vorgeben, das Center for American Progress etc.

Györgys offizieller Titel ist Spekulant und Philantroph, Butsauger und Bluttransfusion in einem, Menschenfreund oder Gönner, will sagen er gönnt anderen auch manchmal was. Daher verrät er dem Spiegel sein größtes Geheimnis: „Mir liegt das Gemeinwohl am Herzen, nicht mein eigenes.“ Eben.

Darum ging’s Gekko, als er 1992 bei einer Börsenoperation gegen das britische Pfund spekulierte. Für diese Operation hatte sich Gordon über 10 Milliarden britische Pfund geliehen (!) und diese hauptsächlich in D-Mark und französische Francs umgetauscht. Dadurch sah sich die Bank von England dann gezwungen, das Pfund abzuwerten und aus dem europäischen Wechselkurssystem auszuscheiden. Gordon brachte das 1,1 Milliarden Dollar Gewinn. Natürlich steht diesem Gewinn notwendigerweise immer ein Verlust gegenüber, für den irgendjemand irgendwo auf der Welt aufkommen muss, in diesem Fall war es der englische Steuerzahler.

Was macht Gekko mit seinen Gewinnen? Philantrophisch-Philosophisches. Erst Täter, dann Wohltäter.

[Es darf bezweifelt werden, ob Schwartz seine Gewinne wirklich für sich behalten darf, er darf sich nicht einmal die Tränensäcke unter seinem Allessehendes Auge operieren; ich glaube, er muss sie bei Onkel Donald abgeben, aber das ist eine reine Spekulation, die mir nichts einbringt, leider, und 10 Milliarden leiht mir auch keiner… ]

Die Wasserverdrängung des Finanzwalrosses am Aktienmarkt ist so gewaltig, dass bei vielen seiner Bewegungen viele kleine hungrige Fischchen hoffnungsvoll hinterher schwimmen, ob da nicht von der Beute etwas abfiele. Dies führt dann z. B. zum Ansteigen der Preise von Grundnahrungsmitteln (Getreide, Reis) oder Öl, die sich immer mehr Menschen plötzlich nicht mehr leisten können. Das nennt man dann die Qual der nicht mehr vorhandenen Wahl. Oh Wal, lass mich kein Jonas sein!

Der von Gordon geprägte philosophische Fachausdruck dafür ist „Reflexivität“; d. h. nach Gekko beeinflusst die bloße Handlung der Handhabung der Besichtigung und Bewertung des Marktes die besagte Bewertung in einem prozyklischen „tugendhaften“ oder „teuflischen“ Kreislauf (virtuous or vicious circle), also Engels- oder Teufelskreis.

Gordon will allen Ernstes behaupten, dass die derzeitige Finanzkrise (und all die anderen auch) nur ein Fehlen von positivem Denken gewesen sei. Dann sollte er aber schleunigst zusammen mit allen anderen Finanzdinos bei Onkel Donald die ganz große Knete anfordern, um auf unser aller positive Zukunft zu spekulieren: Top – die Wette gilt, Gekko!; andernfalls wir dich wegen unterlassener Reflexivität bzw. Hilfeleistung belangen müssen. Sorry, György.

Ganz azyklisch ging es György nie um Investitionen in Macht und Einfluss. Nein, da war Soros davor. Nur ein einziges Mal wurde Gekko erwischt, als er Boy Bush aus der Patsche half: 1990 war George W. Pleite, George half und nahm eine Liquidosuktion vor, er saugte ihm seine überflüssigen Schulden ab und gab ihm dafür eine Cash-Injektion.

Hätte er’s nur mal nicht getan: dann wäre George W. Bankrott gegangen und nicht der amerikanische Steuerzahler. Aber das sind haltlose Spekulationen, die mir nichts einbringen, leider …

Jedenfalls musste Gekko zugeben, dass er’s getan hatte und nannte gegenüber der Zeitung The Nation als Grund, dass er politischen Einfluss habe kaufen wollen.

Dass Gekko in den letzten Jahren massiv die Demokraten und auch Obama finanzierte, fällt aber Gottlob nicht unter letztere Kategorie.

Gordon Soros hat ein Netz von wohltäternden Organisationen errichtet, das so kompliziert und so weitläufig ist, dass es selbst die giftigste Giftspinne erbleichen und zur Biene Maja werden lässt. Der stets sprudelnde Geldquell der Soros Foundation macht’s möglich.

Leider gebietet mir dagegen die Kürze der Zeit, die Beschränktheit des Raumes und die Knappheit der Finanzen, dass hier nur die hervorstechendsten Organisationen Erwähnung finden können, und ich muss nachher auch noch zum Frisör, Dauerwelle erneuern.

Am ins Auge stechendsten sind sicherlich Gekkos wohltäterischen Investments mit geostrategischem Hintergrund: Schon in den 1970er Jahren begann der Soros-Fund oppositionelle Bewegungen in den Länden des damaligen Ostblocks zu fördern. (Tschechoslowakei, Charta 77; Polen, Solidarität; UdSSR, Andrej Sacharow). Seine Destabilisierungstätigkeit setzte er nach dem Fall der Mauer in den neu entstandenen Staaten der ehemaligen Sowjetunion fort. Wir erinnern uns noch an die Samtrevolution (CSSR), die orangene Revolution (Ukraine), die Rosenrevolution (Georgien) und die Tulpenrevolution (Kirgisistan). Zu diesem Gedichtzyklus gehört sicher auch die Safranrevolution (Myanmar) sowie die geplante Curryrevolution (Pakistan), Lotusrevolution (Indien), Stechpalmenrevolution (Venezuela), Fideliorevolution (Kuba), sowie die angedachte Kakteen-, Margeriten-, Pusteblumen- und Sauregurkenrevolution, letztere für Deutschland konzipiert.

Gordon Gecko hat ein starkes Hobby, und klare Vorstellungen davon, wie die Welt auszusehen hat. Dabei helfen ihm u. a. das „Open Society Institute“ (tätert in 50 Ländern), „Human Rights Watch“ und die paramilitärische „International Crisis Group“. Letztere ist mit NATO-Größen durchsetzt (z. B. General Wesley Clark, ehemaliger Oberkommandierender im Jugoslawien-Krieg) und hat Finanz- und andere Verbindungen zu Politikern wie Zbigniew Brzezinski und dem russischen Ex-Komsomolzen und Yukos-Oligarchen Michail Chodorkoswky, vor seiner Inhaftierung der sechzehntreichste Mann dieser Erde. Weiterhin Transparency International, Reporter ohne Grenzen …

Auffallend ist Györgys humanistisches Interesse an den erdöl- und erdgasreichen ehemaligen südlichen Sowjetrepubliken. Schaut man sich einmal eine Landkarte an, so stellt er sich ganz klar in den Dienst einer Einkreisungspolitik Russlands im Sinne geostrategischer US-Interessen.

Die massive finanzielle Förderung von Oppositionsgruppen in Osteuropa und den ehemaligen GUS-Republiken hat Gekko jedoch nicht nur Freunde gebracht: Vor einem Hotel in Tiflis wurde er 2005 von Anhängern des gestürzten georgischen Präsidenten Swiad Gamsachurdia mit Eiern beworfen, als er auf einer Inspektionsreise kontrollieren wollte, wie weit sich das Land nach der Rosenrevolution schon für die Demokratie bzw. den Wirtschaftsliberalismus geöffnet habe.

Die ehemalige georgische Außenministerin Salomé Zourabichvili schrieb im April dieses Jahres im Magazin des Französischen Instituts für Geopolitik, Herodote: „Diese Institutionen [Nichtregierungsorganisationen, Anm.d.Autorin] waren die Wiege der Demokratisierung, insbesondere die Soros-Foundation … alle NGOs, die um die Soros-Stiftung kreisten, waren unbestreitbar Träger der Revolution. Man kann jedoch seine Analyse nicht mit der Revolution beenden, und man kann klar erkennen, dass hinterher die Soros Foundation und die NGOs in die Macht einbezogen waren.“

So ist z. B. Alexander Lomaia, jetziger Chef des Georgischen Sicherheitsrates und ehemaliger Minister für Erziehung und Wissenschaft, zuvor Direktor der Open-Society-Foundation in Georgien gewesen, ein Ableger der Soros-Foundation mit 50 Mitarbeitern und einem Budget von 2,5 Millionen Dollar …

Noch schlichter drückte es Gordon selbst in seinem Buch „Die Offene Gesellschaft“ im Jahr 2000 aus: „Ich war aktiv an den Revolutionen beteiligt, die das Sowjetsystem hinwegfegten.“

Gekko mischte seit 1992 (z. B. zusammen mit Michail Chodorkowski) außerdem in der furchterregenden Carlyle Gruppe mit, einem Industrie- Finanz- und Waffenkonglomerat wahrhaft elephantösen Ausmaßes und bedeutendste Vermögensverwaltungsgesellschaft der Welt sowie Waffenproduzent für das Pentagon.

Wir sollten daher nicht hereinfallen auf Gekkos verschiedene chamäleonartige Maskierungen als Lidgecko, Kugelfingergecko, Mauergecko, Scheibenfingergecko, Tockee (Gekko Gecko), Taggecko, Friedenstäubchengecko, Demokratiegeck; denn allen Arten gemeinsam ist, dass sie nachtaktiv sind und über höckerige, geschindelte Schuppen verfügen. An ihren Fingern und Zehen tragen sie Haftlamellen aus kleinen pinselförmigen Hornborsten, die sich elektrostatisch aufladen können, sodass sie sogar an Glasscheiben senkrecht hinauf laufen können und Geld immer zuverlässig haften bleibt. Der dicke Schwanz ist eine Art Geld- und Fettspeicher, der häufig abbricht, aber Gottseidank dann immer wieder nachwächst …

Am schlichtesten drückte es Gekko wieder selbst aus, als ihn der Spiegel 13/2002 (das waren noch Zeiten!) fragte: „Sie halten die Militärintervention in Afghanistan für falsch?“ und er antwortete: „Keineswegs, die Entsendung von Truppen und Bombern nach Afghanistan war sicher richtig. Was fehlt, ist ein zweigleisiger Ansatz, der auf die militärische eine soziale Initiative folgen lässt …“

Hier deutete sich auch schon die Verstimmung an, die sich zwischen George W. und George S. anbahnte: Boy Bush betrieb sein Handwerk einfach zu brutal und offensichtlich, sodass das Drehbuch offenbar wurde. Das widerstrebte der verfeinerten Natur von György natürlich …

Gegen Gekkos Wohltäterorganisationen wehrten sich einige Staaten bereits mit bestimmten Gesetzen: So verbot Russland 2005, dass Nichtregierungsorganisationen Geld von Ausländer annehmen. In Weißrussland musste György seine Stiftung schon 1997 schließen, nachdem eine Strafe von 3 Millionen Dollar wegen Steuer- und Währungsvergehen verhängt worden war. Natürlich wurde die weißrussische Regierung anschließend als antidemokratisch hingestellt und die Geldbuße als Kampagne, um „eine unabhängige Gesellschaft zu zerstören“. Gekko besitzt halt seine ganz private Definition von Demokratie und Unabhängigkeit. Demokratie heißt auf gekkonisch: eine Gesellschaft, die für ihn und seinesgleichen weit offen ist, für die ungehinderten Kräfte des Marktes mit dem Menschen als einem zu vernachlässigenden Faktor – während vielerorten Menschen noch einer altmodischen Definition dieses Begriffes anhängen, der mehr mit Volksherrschaft, Allgemeinwohl und Teilhabe am Wohlstand in allen Schichten der Bevölkerung zu tun hat. Deshalb Vorsicht! Man pflegt nicht umsonst Kindern einzuschärfen, keine Süßigkeiten von netten Onkels anzunehmen, die freundlich daherreden.

Die Analyse von Györgys Umtrieben scheint klar: Da er ein Verehrer des Gottes Mammon ist und dieser ein eifersüchtiger Gott, der unnachgiebig seine Zinsen und Zinsenzinsen einfordert, muss György unermüdlich nach neuen Märkten Ausschau halten. Bei vielen Staaten hilft die Überredungskunst alleine nicht, und so kommt Gekkos Netzwerk ins Spiel, das geldgepolstert und tatkräftig den Boden bereitet für die anschließende Privatisierung von wertvollem Volksvermögen zu Schleuderpreisen und Wirtschaftsliberalismus über Nacht, ganz im Sinne der Milton Friedmanschen wirtschaftlichen Schocktherapie. So geschehen in Russland und den Staaten des ehemaligen Ostblocks, in Südamerika aber auch in den USA selbst, und mehr und mehr auch in den Staaten der Europäischen Union zu beobachten. Das Ergebnis ist immer dasselbe: Verarmung breiter Bevölkerungsschichten und Konzentration von Geld und Ressourcen in den Händen Weniger. Die sich immer mehr öffnende Schere zwischen Arm und Reich ist aber schon lange nicht mehr nur ein Problem südamerikanischer oder osteuropäischer Länder: Die Auswirkungen des „Marktliberalismus“ sind längst auch bei uns angekommen. Deutschland konnte in diesem Jahr einen Rekord aufstellen: Noch nie in der Geschichte der Bundesrepublik waren Einkommen und Vermögen so ungleich verteilt wie 2008. Die fallende Lohnquote (der Anteil der Löhne und Gehälter am Volkseinkommen) sackte noch weiter ab, während ein neuer Höchststand der Einkommen aus Gewinnen und Vermögen zu verzeichnen war (2007: 34,5 %; 2008: 35,8 % Anteil am Volkvermögen); will heißen: Was die Spitze verdiente, verlor die breite Mehrheit der Lohnempfänger, und: die (Zins-)Gewinne der Unternehmer und Kapitalbesitzer sind unaufhaltsam (bzw. exponentiell …) im Steigen begriffen.

Wäre das nicht was gewesen für die drei Musketiere vom Spiegel? Autsch, da kommt mir ein ganz dummer Gedanke: Ob György beim Spiegel die Samtpfotenrevolution gesponsert hat? – aber das ist wieder nur eine Spekulation, die mir nichts einbringt, leider …

Schaut man sich um, was so alles über Gekko gemutmaßt wird, so ist er für die einen einfach ein CIA-Agent oder gar ein Agent ihrer Majestät, der Queen. Für andere ist er schlicht ein „economic hitman“, also ein Wirtschaftattentäter, für die nächsten ein „Schocktherapeut“ im Sinne des erst unlängst verstorbenen Chicagoer Wirtschaftsgurus Milton Friedman, der mithilft, Märkte über Nacht zu öffnen und während der Zeit, in der die geschockte Bevölkerung wehrlos und mit dem Überleben beschäftigt ist, den Kuchen aufzuteilen. Für mich ist er schlicht ein Symptom. Und wie bei einer Krankheit hilft es nicht, dass Symptom zu bekämpfen, sondern nur, die Ursache auszuräumen.

Aber zurück zu unserem Soros-Interview:

Der vorläufigen Höhepunkt der Obamanie war die folgende Spiegelfrage an George: „Obama soll die Banken retten, die Autokonzerne sanieren und die Konjunktur wieder in Schwung bringen. Kann ein einzelner Mensch diese hohen Erwartungen überhaupt erfüllen?“

Aber natürlich, lieber Mathias Müller von Blumencron, Gregor Peter Schmitz und Gabor Steingart. Das werdet ihr gleich sehen. Ihr habt Soros in eurem Interview (man merkte gar nicht, dass ihr zu dritt wart) so mäuschenleise und häschenpuschelschwänzchenzart angefasst, dass ich in die Stimmung geriet, ein Märchen zu schreiben; Dank euch auch!

***

Es war einmal ein kleiner schwarzer Junge namens Barry, der sah seinen Vater nur ein einziges Mal und seine Mutter gab ihn mit zehn Jahren zu seinen Großeltern. Sie war eine sehr ehrgeizige Frau und hatte Barry oft um 4:30 Uhr morgens geweckt, um zu kontrollieren, ob er auch genug für die Schule gelernt habe, denn das Schicksal hatte Großes mit ihrem Sohn vor.

Nach der Schule studierte Barack, wie er jetzt hieß, zuerst an der noblen Columbia Universität in New York. Dort lernte er einen wichtigen Mann kennen, den Hexenmeister Zybwgbzgbniew Bzwgnewszinsky. Dieser leitete das dortige Antikommunisteninstitut und hatte sich in Hexerkreisen einen großen Namen gemacht: Er hatte zum Beispiel Aladin und die vierzig Räuber nach Afghanistan ausgesandt, um den Roten Riesen zu reizen. Der Riese hatte sich gegen die Stiche der Räuberbande gewehrt, und so wurde schließlich das ganze Land ins Elend gestürzt und unzählige Menschen hatten dabei ihre Leben verloren.

Denn obzwar Zybwgbzgbniew Bzwgnewszinsky einen unaussprechlichen Namen hat, so besaß er doch klare Vorstellungen von Macht und nahm Barack als seinen Zögling unter seine Fittiche. Und so wurde er einer der Lehrlinge des alten Hexenmeisters. Dieser brachte ihm als erstes das Schachspielen auf dem Schachbrett der Macht bei, und wie man die Figuren verschieben muss, und vor allem, wie man Bauernopfer bringt. Barack wurde sehr sorgfältig ausgebildet. Lange durfte Barack keinen eigenen Schritt tun, geschweige denn einen Zauberspruch aufsagen. Zuerst musste er noch an der noblen Universität Harvard Rechtssprüche studieren. Schon nach einem Jahr Studium – owunder – wurde er dort Präsident des renommierten Harvard Law Review. Das machte ihn so potzblitzbekannt, dass man ihm einen Buchvertrag und eine Anzahlung für ein Buch schenkte, was er noch gar nicht geschrieben hatte. Nach zweieinhalb Jahren schon konnte Barack – simsalabim – seinen Doktor mit „magna cum laude“ machen.

Er ging nun in einer großen Stadt namens Chicago, in der es gar garstige Räuber, Mörder und Betrüger gibt. Sogleich erhielt er dort eine Professur und ein Forschungsstipendium an der berühmten Chicago Law School und ein eigenes Büro, damit er an seinem Zauberbuch schreiben konnte. Leider klappte das trotz aller Hilfestellung nicht so recht, und aus dem Buch wurde und wurde nichts. Daher beschloss man, dass Barack und seine Frau auf eine paradiesische Insel reisen müssten, damit das Buch endlich ins Werk gesetzt werden könnte. So weilte er viele Monate auf Bali und endlich – 1995 – erschien sein „Traumbuch von meinem Vater“. Der Buchdeal war so erfolgreich, dass Barrack – abrakadabra – im selben Jahr von seinem bescheidenen Häuschen in eine gar herrliche 1,6-Millionen-Dollar-Villa einziehen konnte und 2007 – potzteufelsakrament! – schon ein Jahreseinkommen von 4,2 Millionen Dollar hatte, fast alles von diesem Zauberbuch, so hieß es.

Unterdessen hatte man beschlossen, dass Barack nun auch Politiker werden sollte, und neben seiner Lehrtätigkeit absolvierte er seine ersten politischen Einsätze. Nachdem Barack 1999 in den Senat von Illinois eingezogen war, befragte man die Kristallkugel, was weiter zu tun sei. Die Kugel zeigte das Gesicht des bekannten Chicagoer Beraters und Medienzauberer David Quaxeltot. Gesagt – getan: Ab 2003 zeichnete Meister Quaxeltot, alles, aber auch alles in Baracks Leben mit seiner Kamera auf, außer, wenn sein Schützling mal dahin musste, wo selbst Hexenmeister zu Fuß hingehen müssen. Es gab Tage, an denen waren mehr Kameraleute als normale Menschen um Barack herum. Dies hatte man mit Vorbedacht angefangen, denn einerseits konnte man Barack so besser kontrollieren, damit er nicht fehlginge, und andererseits hatte man auf diese Weise viel Schulungsmaterial für ihn, um ihn anzulernen, wie er sich in der Zauberei noch verbessern müsste, bevor sein ganz großer Moment käme. Und so wurde gefilmt und gefilmt – viele Tausende von Filmkilometern, wenn Barack mit armen Bürgern sprach oder mit Kriegsveteranen oder mit Schwarzen, mit Hispanos, mit Indianern oder mit Weißen. Barack wurde vom Zauberer Quaxeltot in jedweden nützlichen Kniffen und Kunststücken unterwiesen. Und der nächste Erfolg ließ nicht auf sich warten: 2005 wurde er zum Senator von Illinois gewählt.

Doch Meister Quaxeltot ruhte nicht, denn er hatte noch Größeres mit seinem Schützling vor. Er zeigte ihm vor allem, wie man reden musste, um Menschen recht in seinen Bann zu ziehen. Barack lernte, immer erst nach links, dann nach rechts und dann wieder in die der Mitte nach vorn zu schauen, während er eine Zauberformeln aufsagte: Die wichtigste Formel, die Barack anwenden sollte, war „Glaube, Wandel und Hoffnung“. Nur war es dem Lehrling bei Strafe verboten, irgendeiner Seele zu verraten, woran sie glauben, worin der Wandel bestehen und worauf sie hoffen sollte. Denn das wussten nur die alten Hexenmeister, und das war ihr größtes Geheimnis.

Als die Zeit des Lehrlings nun gekommen war, hinaus in die Welt zu gehen und Präsident der Vereinigten Staaten zu werden, wandten sich Zybwgbzgbniew Bzwgnewszinsky und David Quaxeltot an einen alten Zaubererkollegen, den Finanzzauberer Gregorios Sowiesorios, der in seinem Zauberschloss lebte und die Welt und ihre Menschen des öfteren erzittern ließ, wenn er mit einer seiner Spekulationen wieder die Preise nach oben getrieben hatte oder ganze Währungen einstürzen ließ. Schon oft hatte deshalb große Not und Teuerung und Knappheit im Lande geherrscht, und so manches arme Weiblein hatte Verwünschungen gegen diesen vermaledeiten Monetenmagier ausgestoßen.

Der Magier war von all den Wucherzinsen, die er in seinem Leben eingenommen hatte schon ganz prall und feist geworden und brannte darauf, etwas von seinem vielen Geld loszuwerden.

Gregorios wurde nun in den Plan der Hexenmeisters eingeweiht, Barack mit Gold und Silber auszustatten, um so sicherzustellen, dass er auch Präsident würde und dass er den Menschen gefallen werde. Die alten Hexenmeister rieben sich vor Freude ihre macht- und geldgierigen Hände und warteten darauf, dass ihr Plan in Erfüllung ginge. Zur Sicherheit gab Zybwgbzgbniew Bzwgnewszinsky Barack noch seinen Sohn Mark mit auf den Weg, der dem Alten stets genaue Berichte senden musste, da er niemandem auf der Welt vertraute.

Obendrein gaben die drei Hexenmeister Barack noch ein Spinnennetz mit auf die Reise, um sicherzustellen, dass er nicht vom rechten Weg abwiche. An vielen Wegkreuzungen hatten sie zusätzlich heimlich Stinkstanks, Gedankengeißeln und Denkflüche versteckt, und so konnte Barrack nicht fehlgehen.

Und so geschah es, dass die Welt noch nie so einen prachtvollen und wunderbaren Wahlkampf gesehen hatte. Die Menschen jubelten dem Zauberlehrling zu und vergaßen ganz zu denken, so sehr waren sie beeindruckt von all der Pracht und Herrlichkeit und von den wohlfeilen Worten Baracks. Denn jetzt zeigte es sich, was er all die Jahre bei den Alten gelernt hatte: Glaube, Wandel, Hoffnung! Ja, wir können! Ja, wie können! Und schon fielen die Menschen unter seinen Bann und erlagen seinem Zauber …

***

Für eine Sache stehen wir alle in Gekkos Schuld: Er hat uns schon dreimal gewarnt, ja! Und wenn wir nicht hören wollen, so müssen wir eben fühlen. Keiner kann sagen, er wäre ein Geißlein und hätte vom bösen Wolf nichts gewusst, wenn die ganz große Krise am Dämmern und die ganz große Ga—ke am Dampfen ist!

Soros meinte im Juni dieses Jahres:

„Ich bin schon dafür bekannt, dass ich ‚der Wolf kommt’ rufe … Zum ersten Mal tat ich es in ‚Die Alchemie der Finanzen’ (1987), dann in ‚Die Krise des Globalen Kapitalismus’ (1988) und jetzt in diesem Buch (Das Neue Paradigma für Finanzmärkte, 2008). Insgesamt sind es also drei Bücher, die das Desaster vorhersagen. Nachdem der Junge dreimal gerufen hatte, ‚der Wolf kommt’ … kam der Wolf wirklich.“

Falls es der geplagte Zeitgenosse noch schaffen sollte, im besagten Spiegel von Seite 76 zu Seite 77 zu blättern, kann er schnell noch ein penetrant sakral inszeniertes Foto mitnehmen, auf dem die beiden z. Zt. amtierenden amerikanischen Präsidenten zu sehen sind. Sinnigerweise ist der dicke schwarze Lederthron im Hintergrund nicht besetzt. Denn da gehört derjenige hin, der wirklich etwas zu sagen hat: Mammon.

***

Alle Fakten, die ich zuvor genannt habe, sind z. B. über Wikipedia plus Querverweise allgemein zugänglich.

Es ist keinesfalls meine Absicht, hier den Startschuss für eine Serie über böse alte Männer abzugeben (obwohl das sicherlich reizvoll sein könnte), da es mir nicht um irgendeine Person geht. Ich tute auch nicht in das Horn derer, die jetzt plötzlich eine stärkere Regulierung der Wirtschaft und des Bankwesens fordern, (diejenigen, die das tun, meinen damit eigentlich nur, dass alles beim Alten bleiben soll). Ich hoffe auf eine Nutzung des derzeitigen Desasters, um unser wucherndes Geldunwesen an sich zu erkennen (hierfür ist mir jedes Stilmittel recht), es für immer abzuschaffen und durch ein menschenwürdiges zu ersetzen.

Denn es geht letztlich nicht um Personen. Es geht um ein System, das durch exponentielles Zinswachstum die Akkumulation großer Geldvermögen überhaupt erst ermöglicht. Es ist eine Illusion, die diesem System innewohnende zerstörerische Kraft durch „Deregulationen“ oder „Regulationen“ bannen zu wollen.

Demokratie und Rechtsstaat können per se eine Anhäufung grotesk großer Geldvermögen nicht zulassen, ohne sich selber Hohn zu sprechen, da Macht und Geld unausweichlich zusammengehen und für unseren Planeten zu einer tödlichen Gefahr geworden sind.

Hierzu ist schon Vieles gedacht worden, was einfach nur einen politischen Willen erfordert, um es in die Wirklichkeit zu bringen – denn wir sind ja wohl in der Mehrheit gegenüber Gekko, oder? Und dazu fällt mir einfach kein besserer Weg ein, als sich auf die Zauberformel „Wir sind das Volk!“ zu besinnen.

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4 Antworten zu “Gordon Gekko und die Wonnen der Devoten (Spiegelreflexionen)”

  1. [...] umgehend mit Arbitragegeschäften gegen diese Währung spekuliert, also auf fallende Kurse gesetzt. George Soros und Konsorten haben ihre “Qualitäten” diesbezüglich in der Vergangenheit bereits [...]

  2. Pablo sagt:

    wirklich schöner Artikel. Erhellende Einblicke in das Wirken eines alten Märchenonkels von Monetas Gnaden. Besonders die Entstehungsgeschichte der Obamanie ist sehr gelungen. Hat mich gefreut, mal wieder einen systemkritischen Beitrag mit stilistischem Anspruch zu lesen. Weiter so!

  3. [...] York gemacht, und wie selbstverständlich er mit dem großen alten Finanzspekulatius George Soros diniert habe. Nicht schon wieder! Natürlich kennt Gutti diese Kreise seit Jahren, denn er ist [...]

  4. [...] in New York gemacht, und wie selbstverständlich er mit dem großen alten Finanzspekulatius George Soros diniert habe. Nicht schon wieder! Natürlich kennt Gutti diese Kreise seit Jahren, denn er ist bei [...]

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