Sich Fallenlassen (Tagebuchausriss)

Ich schließe die Augen und lasse mich in den Schoß von Mutter Natur fallen und überreiche der Sonne und dem Wind meine Wunden, mein Zwicken und Zwacken der Seele und des Körpers, kippe den Schalter des ständig kreisenden Verstandes, des pausenlos räsonierenden Bewusstseins, des wandelnden Problems, auf „Aus“, ziehe meine stets wachen Wächter ab und beginne, in die Umgebung zu diffundieren: Bin jetzt nur noch kleine Teilchen, die der Wind durchlüftet, aufschüttelt, verwirbelt, leicht und schwerelos; die Frühjahrssonne erwärmt jedes einzelne von ihnen, solange, bis sie in der Luft flirren.

Die Hunde kennen das schon: Sie schließen sich an: genießen, betten sich geräuschlos auf einem Stein oder rutschen auf dem Rücken die Blumenwiese herunter und grunzen ganz leise dazu. Die Zecken und Ameisen verhalten sich ebenfalls respektvoll und halten etwas Abstand.

Die Frühjahrssonne ist besonders am späten Vormittag uneingeschränkt wunderbar, man kann sich ihr ohne nachzudenken völlig überantworten und blind hingeben. Mit wem könnte man so etwas wohl sonst noch tun?

Nach einiger Zeit fühle ich, dass ich mich wieder zusammensetzen kann, denn alle Teilchen glänzen. Ich spüre dort einen heißen Fleck, wo die Sonnenstrahlen etwas besonders bearbeiteten. Ich konzentriere mich etwas, mein Wachbewusstsein hat wieder Lust zu übernehmen und findet sich wieder an seinem gewohnten Platz ein.

Von der Bildfläche verschwinden, nicht erreichbar sein, abhauen, eintauchen, abtauchen, weg sein, keinen Knopf im Ohr und keinen Chip unter der Haut, welch ein Luxus und wahrhaftes Privileg!

Besonders der Morgen lenkt die Träume der Nacht in die richtige Bahn und holt sie sanft ans Licht, wenn sie wichtig waren, alle Gedanken und Inspirationen formen sich mit besonderer Leichtigkeit.

Aber der Morgen ist uns normalerweise geraubt und der Tag in einen starren Rhythmus eingespannt! Und die Rückzugsgebiete werden immer weniger: Dort, wo man noch nicht erfolgreich den Geist ausgetrieben hat und man sich einfach nur verbinden und fallenlassen muss, um wieder gut aufzustehen zu können und es nie einer Begründung bedarf.

Man wird sich vermutlich entscheiden müssen: Für solche Rückzugsgebiete und Rückzugsmomente oder das Sicherheit gebende Stützkorsett eines unzweifelhaft „geordneten“ Tagesablaufs.

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