Orangen am Boden: Warum die Apfelsine nicht mehr geerntet wird

Das Hinterland der spanischen Südküste ist ein Garten Eden und erlaubt mit seinem Wasserreichtum das ganze Jahr hindurch Anbau und Ernte von Obst und Gemüse.

Garten Eden: Das Hinterland der Costa del Sol
Garten Eden: Das Hinterland der Costa del Sol

Selbst dem unaufmerksamen Beobachter fällt jedoch auf, dass kaum noch Obst geerntet wird, da er entweder darüber stolpert oder mit dem Auto durch Früchte hindurch fahren muss, die auf Wegen und Sträßchen liegen.

Der Zustand ist nicht neu. Seit Jahren werden den Bauern derart niedrige Preise gezahlt, dass es nicht einmal die Unkosten für die Bewässerung der Obstbäume deckt. Daher erntet man meist die Bäume nicht mehr oder lässt gleich die gesamte Finca unbewässert, die Bäume sind so nach 2-3 Jahren vertrocknet. Andere fällen ihre Bäume im besten Lebensalter kurzerhand und pflanzen stattdessen Avocadobäume an.

Orangen am Weg uberfahren
Orangen am Weg überfahren

Dieser exotische Baum mit der etwas langweiligen, öligen Frucht hat einen ebenso fad-milden Blütengeruch, und in vielen Gegenden ist das Naturereignis der Orangenblüte (Azahar) bereits geschmälert. Der unbeschreibliche, mit nichts zu vergleichende Duft der Orangenblüte im Monat April ist in der Lage, empfänglichen Naturen einen olfaktorischen Vorgeschmack auf das Paradies zu vermitteln oder besser gesagt ein geruchliches „Vorgeduft“. Jedenfalls fährt das Aroma der Orangenblüte, besonders, wenn es mit noch am Baum hängenden ganz reifen Orangen vermischt ist, direkt hinter die Stirnmitte und hebt sowohl die Stimmung als auch das Konzentrationsvermögen ganz außerordentlich.

Der Avocadobaum hat sich als problematisch für diese Gegend erwiesen. Zwar werden für Avocados bessere Preise gezahlt, aber die Bäume brauchen viel Dünger, schlucken viel (knappes) Wasser, was schon der Name aguacates auf Spanisch andeutet, und haben nur eine Lebensspanne von wenigen Jahren.

Avokadobaum mit typischem Frostschaden
Avokadobaum mit typischem Frostschaden

Die theoretische Lebenserwartung des immergrünen Orangenbaumes ist dagegen legendär: Der erste, einst nach Portugal eingeführte Orangenbaum, der süße Früchte trug, soll noch Jahrhunderte in Lissabon gestanden haben. Wie der Name Apfel-sine („chinesischer Apfel“) schon andeutet, ist die Orange östlichen Ursprungs: Sie ist über Indien, Persien und Arabien auch sprachlich im 15. Jahrhundert zu uns gekommen. Das Sanskirit-Wort naranga wurde zu persisch narendsch und arabisch narandsch und zu spanisch naranja, eben die Orange.

In seinem Ursprungsgebiet war der Orangenbaum gut an die Kälte angepasst. Auch in Südspanien können im Winter Minustemperaturen herrschen, mit denen der Baum fertig wird. Vor 4 Jahren erinnere ich mich an 2 Wochen bei minus 13 Grad, die die Bäume ächzend, aber doch, überlebten. Nicht dagegen die Avocadobäume, die allesamt gefällt werden mussten.

Orangen verfaulen am Boden
Orangen verfaulen am Boden

Das gängige Klischee über ein Südspanien mit durchweg milden Temperaturen entspricht ohnehin nicht der Realität und gilt allenfalls für den unmittelbaren Küstenstrich. Im bergigen Hinterland dagegen ist es deutlich kälter, und es herrschen sommers wie winters Schwankungen zwischen den Tages und Nachttemperaturen von bis zu 20 Grad.

Von Natur aus ist der Orangenbaum ein Überlebenskünstler, der Hitze, Kälte und großer Trockenheit lange standhalten kann. Er braucht weder Dünger noch irgendwelche Spritzmittel, nur in den Hochsommermonaten muss man mit etwas Wasser nachhelfen, damit die Früchte nicht zu klein werden. Traditionell werden die immergrünen Blätter nur alle paar Jahre einmal mit einer Seifenlösung gewaschen, damit sich auf den Blättern kein schwarzer Belag absetzt, der von einer Spinnmilbe hervorgerufen wird. Selbst wenn man dies nicht tut, schadet es den Bäumen nicht weiter: Die betroffenen Blätter fallen einfach ab und es bilden sich neue, was ohnehin ständig geschieht. Die Orange ist also eigentlich von Natur aus „öko“.

Die diesjährigen Preise lagen bei 15 Cent für ein Kilo Apfelsinen. Wenn man dieses Trinkgeld für die Bauern mit den Preisen im Supermarkt vergleicht, wird klar, wer hier den Hauptgewinn einstreicht. Nur die ganz großen Anbauer ernten noch. Der Boden um die Orangenbäume wird bei ihnen nicht nie gepflügt, sondern mit Herbiziden gespritzt und die Bäume selbst häufig mit Chemie eingenebelt.

Nur noch wenige südspanische Bauern bringen ihre Früchte zum Großmarkt, weil es ihnen einfach leid tut, das Obst ungenutzt verfaulen zu lassen. Die Orangen gehen zumeist in die Fanta/Sprite-Produktion, wo sie mitsamt Schale zu Limonade weiter verarbeitet werden.

Ein nennenswerter Binnenmarkt für Orangen existiert in Spanien nicht: An der gesamten touristischen Südküste macht es Mühe, irgendwo einen frisch gepressten Orangensaft zu erhalten. Selbst in guten Restaurants gibt es nur Flaschen mit Saft aus Konzentrat oder eben Limonade. Diese ist neben Cola das Lieblingsgetränk spanischer Kinder geworden. Saftpressen sucht man in den meisten Haushalten vergeblich. Die mangelnde Wertschätzung für frisches Obst ist endemisch. Sie geht einher mit einer weit verbreiteten Abneigung für das traditionelle Landleben und seine Pflichten: Generell findet man auf Fincas nur noch alte und sehr alte Männer bei der Arbeit. Die mittlere oder junge Generation sieht man, Ausnahmen abgesehen, dort nie. Selbst für den Eigenbedarf wird nicht gepflückt. Es macht „zu viel Arbeit“. So verfault in meiner unmittelbaren Umgebung jedes Jahr tonnenweise Obst, vor allem Zitrusfrüchte, aber auch Aprikosen, Mirabellen und Pflaumen. Wenn man über Land fährt liegt oft ein Geruch von Obstlikör in der Luft…

Die mittlere Generation ist allenfalls auf dem Lande anzutreffen, um sich am Wochenende von der Arbeit zu erholen. Dafür wird die Finca dann umgestaltet, Orangenbäume gefällt, um Autoeinfahrten oder Biertische zu schaffen, der Baumschnitt wird direkt an Ort und Stelle verbrannt und der nächste Orangenbaum gleich halb mit verbrannt.

Ohne Worte: Plastiktisch statt Orangenbaum
Ohne Worte: Plastiktisch statt Orangenbaum

Es herrscht ein verbreitetes Klima der Unbarmherzigkeit und Frustration gegenüber den Orangenbäumen. Dass ihre Früchte auf dem Markt nichts bringen, wird ihnen quasi persönlich angelastet, und dafür werden sie jedes Frühjahr mit einer brutalen „poda“ (Baumbeschnitt) bestraft.

Wenn meine Nachbarn mal wieder über die lächerlichen Preise klagen, schlage ich, gebetsmühlenhaft, eine Kooperative vor und die Direktvermarktung als Bioobst. Davon hat man zwar gehört, aber es scheint vorläufig einfacher zu sagen, „man kann sowieso nichts machen“.

Die Entfremdung vom campo (Land) vollzog sich in Südspanien, vor allem bedingt durch das schnelle Geld des vergangenen Immobilienbooms, in Lichtgeschwindigkeit. Allerorten findet man aufgegebene Obstfincas, um die sich schon lange niemand mehr kümmert. Das krasseste Beispiel bot die Familie eines Bauern, der letztes Jahr verstarb. Der Mann war besonders bei den Ausländerinnen der Gegend nicht sehr beliebt gewesen und als Satyr gefürchtet. Eines war jedoch klar: Er kümmerte sich wie kein anderer um seine Finca, hatte stets alle Arten von Obst und Gemüse und besorgte obendrein noch die Bewässerung der gesamten Gegend. Vor kurzem besichtigte ich das kleine Häuschen und fand im Garten einen Verwandten des verstorbenen Besitzers arbeiten: Der Mann holte heimlich die schweren, goldenen Kartoffeln aus dem Boden. Der Sohn des Besitzers hatte keinerlei Interesse an diesem „Vermächtnis“ seines Vaters, obwohl seine Mutter von einer Witwenrente von 500 Euro leben muss. Man hofft darauf, trotz Krise das 60m2 Häuschen samt Grund und Boden noch zum Toppreis von vorgestern für 480.000 Euro verkaufen zu können…

Die Orange - Symbol der Sonn
Die Orange – Symbol der Sonne

Die Apfelsine, die ursprünglich aus einer Kreuzung von Mandarine und Pampelmuse entstand, ist ein kleiner Ball aus zu Süße verwandeltem Sonnenlicht. In Form, Farbe und Aufbau erinnert sie überdies an die Sonne selbst: Nicht nur besteht sie im Querschnitt aus 10-13 „Strahlen“, sondern hat auch, gleich der Sonne, verschiedene Hüllen: Die weiße Schale und die äußere harte Schale, die Öldrüsen (fast wie die Sonnenflecken) enthält.

Die Orange ist ein direktes Opfer von ver-rückten Werten, die boomhafte Spekulationen mit Grund- und Boden mit einem gesunden und gerechten Wirtschaftswachstum verwechseln und jeden Bezug zur Wirklichkeit und jede Bodenhaftung verloren haben. Die aktuelle Wirtschaftskrise wird in Spanien die Wertschätzung der Fincas und ihrer großzügigen Gaben sicherlich wieder beleben und hoffentlich auch die Einsicht, dass die Obstbauern einen gerechten Preis bekommen können, aber erst, wenn sie ihre Schätze entschlossen selbst vermarkten und dafür vor allem die Krise ihrer Vorstellungskraft beenden.

Es besteht auf jeden Fall begründete Hoffnung für die Orange.

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Eine Antwort zu “Orangen am Boden: Warum die Apfelsine nicht mehr geerntet wird”

  1. kotona sagt:

    Bei aller Trauer um die Orangenbäume…:

    reife Avocado(s) in Würfel schneiden, mit Balsamico-Essig tränken, 5-10 Min. einziehen lassen; guten Appetit !!!

    Lg. aus Rennes

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