Jugendpsychiatrie: Therapievoraussetzung Ritalin

Ritalin täglich

Ritalin täglich (Bildquelle: www.deesillustration.com)

Gerade sprach ich mit einer Freundin. Sie ist alleinerziehende Mutter zweier Söhne und wohnt in einer westdeutschen Großstadt. Sie ist von zarter, eher zerbrechlicher Gestalt und bisweilen schlagen ihr die Dinge über dem Kopf zusammen. Sie selbst ist momentan wegen gelegentlicher Angstattacken erst einmal für einige Monate berentet. Davor arbeitete sie manchmal in 1-Euro-Jobs; letzthin legte man ihr einen Ganztagsjob nahe, irgendeinen, was sie mit Hinweis auf ihren 15-jähringen jüngsten Sohn, der sie noch dringend brauche, ablehnte. Weitere Sanktionen der Ämter konnten durch ihre psychische Erkrankung vorläufig abgewehrt werden, aber das Problem mit dem jüngsten Sohn bleibt.

Ich gebe zu, dass ich Tommy (Name geändert) seit frühster Kindheit kenne und er seither eine “Stein bei mir im Brett” hat. Das mag an so irrationalen Dingen liegen, wie der Erklärung, die er mir im Alter von ca. fünf bis sechs Jahren abgab, als ich ihm sagte, “Tommy, ich mag dich.” Tommy meinte daraufhin: “Itsch ditsch auck” − er geriet noch etwas mit der offiziellen Aussprache in Kollision, bewegte sich aber durchaus damals schon in seinem eigenen logischen System. In dieser Zeit war es auch, dass Tommy immer in Windeseile auf Obstbäume kletterte und mir eifrig Früchte pflückte − ganz klar schon damals ein echter Gentle-Mann.

Was ich an Tommy auch schon damals mochte, waren seine stets etwas gebläht wirkenden Nasenflügel, was ein etwas aufbrausend-herrisches Temperament nahelegte. Dieses steht heute auf dem Höhepunkt seiner Pubertät in Herr-lichster Blüte.

Die beiden Söhne meiner Freundin wuchsen in der Nähe sozialer Brennpunkte auf. Multikultibiotope waren und sind tägliche Realität. Straßengewalt ebenso. Eine Standardsituation mit der Tommy fast jeden Tag konfrontiert ist, ist das Handyabziehen. Dabei wird er von einer Gang von 3-4 (meist) Türken eingekreist, die die Herausgabe des Handys fordert. Tommy fordert dann gewöhnlich einen nach dem anderen zum Zweikampf auf und muss jeden einzelnen besiegen, wenn er sein Handy behalten will. Dies hat bisher geklappt, da er immer an das Ehrgefühl der “Abzieher” appelierte und sie aufforderte, einzeln nach vorn zu kommen und nicht feige in der Gruppe anzugreifen. Tommy ist mittlerweile fast 2 Meter groß und überragt seine Mutter um Haupteslänge. Er ist extrem dünn aber auch sehr stark und hat einen igelähnliche Struwwelpeterfrisur.

Tommy hat ein Problem: Er hasst Schule. Seine Mutter hat ein Problem: Sie hat einen Schulschwänzer als Sohn und schwebt daher dauernd in Gefahr, das Sorgerecht entzogen zu bekommen. Gutes Zureden und Ermahnungen, Drohungen und Barmen haben schon lange keine Wirkung mehr. Seit Tommys älterer Bruder in der Ausbildung ist, hat er das Zepter zu Hause übernommen. Seine Beschluss ist simpel: Er will sich nicht zwingen lassen. Schon gar nicht von Frauen. Die eine ist seine verhasste Lehrerin, die ihn ständig als faul und dumm etc. madig macht, die andere ist seine Mutter. Ihre Erziehungsversuche fasst er als mangelnde Solidarität mit seinem Feldzug gegen die verhasste Schule auf. Tommy wird das 8. Schuljahr nicht schaffen, das er bereits wiederholt. Sein Hass hat sich somatisiert: Herzstiche, Appetitlosigkeit, extreme Aggressivität, unkontrollierte Wutausbrüche … bisher blieb aber alles “noch” verbal.

Der “pädagogische” Ansatz der Schule und der Behörden, die zusammenarbeiten, ist simpel: Mehr Druck, drohen mit der Polizei, Jugendpsychiatrie. Tommy wurde vor kurzem eingewiesen. Er fand sich mit jugendlichen Straftätern aller Art und “Suchtis” wieder, das war alles bisher nicht sein Thema. Gleich eingangs wird der Mutter die Lage verdeutlicht: Ritalin. Nach zwei Wochen wird von der leitenden Ärtzin nochmals die Perpsektive aufgezeigt: Ritalin oder raus. Ritalin ist die Voraussetzung für eine Theapie, andernfalls wird Tommy wieder vor die Tür gesetzt. Tommy führte sich wohlgemerkt “manierlich” auf, er war dann doch etwas eingeschüchtert. Aber ohne Ritalin wird heute nicht mehr therapiert. Die Mutter meldet Bedenken an und muss daher nach zwei Wochen ihren Sohn wieder abholen.

Ich bin zwar vielleicht nicht eine komplette Laiin, da ich vor Jahren das Begleitstudium Pädagogik für das Lehramt absolvierte; dennoch scheinen mir zwei Aspekte augenfällig: Tommy ist in der schwierigen Phase der Pubertät, in der er ein neues männliches Selbstbild erarbeiten muss. Ein Vater oder eine Vaterfigur mit Vorbildfunktion und positiver Autorität wären dringend von Nöten, um den rasenden Junghirsch in die Schranken zu weisen, ihn aber auch ernst zu nehmen und ihm einige Aufgaben zu geben, an denen er sich ersteinmal seinen Bast von den Hörnern abstreifen kann.

Wenn ich an Tommy denke, verbinde ich ihn immer irgendwie mit dem Landleben. Und richtig, er war mal einige Zeit auf einem Ökobauernhof, durfte auf dem Traktor fahren und sich nützlich machen und es gefiel ihm super. Körperliche Arbeit, die Anwesenheit von Tieren, ein positiv autoritärer Arbeitgeber, der z. B. Tommys Hilfs- und Einsatzbereitschaft und seine Tierliebe schätzte … wohl eher momentan ein Traum, denn die Behörden sehen alles ganz anders:

Tommy MUSS weiter in die verhasste Schule gehen, denn 10 Jahre müssen sein. Danach geht’s dann zur ARGE, wo sich Tommy, vermutlich dann ohne Schulabschluss, in das Heer der nicht Qualifizierten für den nächstbesten Sortierjob einteilen lassen muss. Nimmt er den nicht an, wird ihm gleich 60% seiner Arbeitslosenunterstützung gekürzt (Bestimmung gilt für unter 25-Jährige), d. h. Jugendliche werden so praktisch in die Jugendkriminalität getrieben, weil sie mit den ggfs. durchgeführten Kürzungen nicht überleben können.

Tommy hat irgendwie meine Sympathie, denn er will sich nicht vom System brechen lassen. Seine Freiheit geht ihm über alles. Natürlich schadet er sich mit seinem verzweifelten Widerstand selbst, denn die Behörden sitzen letztlich am längeren Hebel. Jedoch frage ich mich eins: Welcher pädagogischen Einsicht entspringt es, dass eine völlig verfahrene Situation durch noch mehr Druck entblockiert werden kann? Was Tommy gut täte, wäre schlicht eine flexiblere Pädagogik: Junge Männer in der Pubertät, (die noch dazu vaterlos aufwachsen mussten), sollten, wenn sie sich als momentan nicht mehr beschulbar erweisen, einfach für 2–3 Jahre aus der Schule genommen und in eine sinnvolles Praktikum überstellt werden, wo sie einen standfesten Meister oder Ausbilder haben. Dort sollte man ihnen die Möglichkeit geben, sich einfach im Leben zu bewähren, praktisch zu lernen und Erfolge zu haben, so dass sie ihren männlichen Selbstwert allmählich wieder aufbauen und sich von den Demütigungen der Schule erholen können. Ein permanent gedemütigtest Jungwölfchen wie Tommy wird sonst zum aggressiven Angstbeißer, das zeichnet sich bereits ab.

Tommy ist krass unintellektuell aber nicht unintelligent. Ein Buch würde er nie lesen. Aber auch solche Menschen muss eine Gesellschaft ertragen können. Auf jeden Fall bewahren sich solche Naturen immer ihre Originalität. Sie werden nie etwas mit den unzähligen Nachbetern, Jasagern und Köffernchenträgern gemeinsam haben, die zu Tausenden mit Knopf im Ohr durch die U-Bahnschächte sausen. Und deswegen mag ich Tommy.

Eine Entblockierung der geschilderten Situation mit zweitweiser Aussetzung der Beschulung und Überstellung solcher Jungmänner in Quasi-Ausbildungsverhältnisse, ließe einen Großteil von ihnen vermutlich nachreifen, da sie nicht mehr dem erwähnten spezifischen Schulstress ausgesetzt wären. Stress, dass müsste konsensfähig sein, ist ja nicht entwicklungsfördernd, sondern blockiert ja gerade die Ausreifung.

Nun gut, dieser Weg wäre natürlich zu simpel. Schule und Behörden sehen Schulschwänzen als eine Art kriminelles Delikt an. Die Psychologen bzw. Psychiater machen sich zu Handlangern und verweigern eine Therapie, ohne vorherigen Einnahme des umstrittenen Ritalins. Dies erscheint mir als ein unglaublicher Offenbarungseid dieser Zunft, die ja ohnehin immer wieder mit Legitimationsproblemen zu kämpfen hatte.

Ich finde ganz pragmatisch, es müsste möglich sein, auch schon nach der 7., 8., oder 9. Klasse vorübergehend abzugehen und in eine ausbildungsähnliche Situation überstellt zu werden, ohne als Schulabbrecher gebrandmarkt zu werden. 10 Jahre Permanentbeschulung wird immer mehr zu einem Fetisch. Schließlich gibt es ja immer noch die gute alte Abendschule und ähnliche Erwachsenenschulen, wo man sich sogar neben einer Arbeit oder Ausbildung weiter qualifizieren kann.

Derweil muss Tommys Mutter abends das Telefon so einstellen, das es morgens zu einer bestimmten Zeit klingelt und dann vor dem Zimmer ihres Sohnes mit einem fiktiven Polizisten sprechen, damit der Sohn wütend-frustriert den (momentan ziemlich sinnlosen) Weg zur Schule antritt.

Zum Schluss noch ein paar Ritalin-kritische Links:

www.ritalin-kritik.de

Die Seite wird von den Scientologen unterhalten. Dennoch bin ich der Meinung, dass sie lesenswert ist, denn ich bin der  festen Überzeugung, dass ein mündiger Leser nicht durch das Durchlesen und Werten von Informationen einer Webseite automatisch mit dem Betreiber derselben in allen Bereichen übereinstimmen wird …

www.ingo-heinemann.de/Ritalin.htm

Diese Seite kritisiert die erstgenannte. Jedoch krankt sie ihrerseits daran, dass sie etwas zu kritiklos die Annahme übernimmt, dass einer Ritalingabe immer auch eine korrekte Diagnose “ADHS” u. ä. vorausginge. Es gibt Kritiker, die behaupten, dass bei Jugendlichen mit dieser oder verwandten Diagnosen nur zu einem geringen Prozentsatz überhaupt eine krankhafte Auffälligkeit vorliege. Der Großteil der Diagnosen diene also nur dazu, pädagogische und gesellschaftliche Defizite und den Mangel an Bereitschaft, sich mit den Jugendlichen angemessen zu befassen, zu verdecken.

www.wahrheitssuche.org/ritalin.html

— Anzeigen —



Tags: , , ,

2 Antworten zu “Jugendpsychiatrie: Therapievoraussetzung Ritalin”

  1. Daniela Truntnik sagt:

    Gut gepostet – bin mal gespannt auf die anderen Kommentare, was da noch alles geschrieben wird.

  2. Layla sagt:

    Seitdem ich meinen Sohn nicht mehr zwinge, in die von ihm gehasste Schule zu gehen, ist er sehr ausgeglichen und freundlich zu mir. Er hilft oft zu Haus, sagt öfter Danke, es gibt wieder einen Dialog. Es gibt nach der Schulpflichtzeit noch die Möglichkeit den Abschluß nachzuholen. Vor allem, daß kein Schulwechsel möglich ist, war für uns eine enttäuschende Erfahrung. Die Schulen haben ihre Tricks und Ausreden, um Schüler nicht aufnehmen zu müssen, die wechseln wollen, weil sie an ihrer Schule nicht klarkommen.
    Die Einnahme von Ritalin stellte auch eine Vorraussetzung dar, um alle anderen Therapien, wie Gesprächstherapie, Sporttherapie…fortsetzen zu dürfen.Als ob es nur eine Antwort auf den Leidensdruck eines Schülers gibt: noch mehr Druck und Medikamente. Ein Armutszeugnis für unser Schulsystem.

Eine Antwort hinterlassen