Warn und Alarm

Hach nee, ach nee, ich glaub ich kann nicht mehr. Neeneeenee. Ich weiß nicht. Ich kann und will nicht mehr. So nicht. Nicht mehr mit mir. Neeeneeenee. Nein! Ich kann das nicht mehr hören. Ich will das nicht mehr! Die können mich alle mal gern haben. Ich bin völlig mit den Nerven runter. Echt fertig. Neeneenee. Mir wird alles zu viel. Ich glaub, da muss jetzt was passieren.

Ich weiß, nicht wie es Ihnen geht: Aber ich glaub ich hab ne Warnallergie. Ich kann das nicht mehr. Wenn ich das Wort schon höre. Jetzt auch noch Prinz Charles! Das fehlte noch! Der kam nach Deutschland, um zu warnen. Vor dem Klimawandel, und hat dafür auch noch einen Preis erhalten. Neeneenee. Das hält man doch im Kopf nicht mehr aus.

Ständig wird man gewarnt, man fühlt sich wie von einem tollen Hund dauernd angekläfft. Der Köter hält einfach nicht seine Klappe. Es ist Ruhestörung. Ich krieg Kopfschmerzen! Ich brauch dringend Hilfe. Ich bin schon ganz rappelig!

Wo immer man geht und steht: Ständig wird man gewarnt: Vor der Klimaerwärmung, dem Klimawandel, dem globalen Kollaps, der Finanzkrise, der Bankenkrise, der Inflation, der Deflation, dem Terrorismus, dem Islamismus, den Neonazis, der Vogelgrippe, der Schweinegrippe, der was-weiß-ich Seuche, dem Icksüpsilon-Virus.

Bin ich vielleicht taub? Bin ich vielleicht schwerhörig? Bin ich vielleicht doof?

Überall sind Warnlämpchen aufgestellt. Die mindestens in gelb oder orange blinken, meist jedoch in rot. Plinplin … plinplin … plinplin. Ich hab schon chronisch tränende Augen, richtige Triefaugen. Überall kriegt man mit diesen Warnlämpchen und Warnleuchten in die Augen geplinkt!

Schäuble – der Warnminister des Reichswarn- und Alarmministeriums. Und alle ihm nachgeordneten Ministerien. Das Reichswarnfinanzalarmministerium, das Reichswarngesundheitsalarmministerium, das Reichswarnumweltalarmministerium, das Reichswarnarbeitsalarmministerium, das Reichswarnverkehrsalarmministerium, na Sie wissen schon …

Bei jeder sich bietenden möglichen oder auch unmöglichen Gelegenheit wird mittlerweile gewarnt. Jede öffentliche Situation wird schamlos ausgenutzt und „Warn“ und „Alarm“ ausgegeben! Ich kann nicht mehr! Es geht nicht mehr!

Radio, Zeitungen, Fernsehen, Preisverleihungen, öffentliche Ansprachen, Einweihungen, Multikulti-, Straßen-, Stadtteil-, Schwulen-, Lesben-, Biotop-, Sport-, Kinder-, Familienfeste, Parteien, Gewerkschaften, Verbände, Geburtstage, Fußballspiele, Jagdausflüge, Klassentreffen, Beerdigungen – überall wird mittlerweile gewarnt. Obwohl es bei den Beerdigungen eigentlich zu spät wäre – aber das interessiert die professionellen Warner und Alarmer nicht: Sie warnen weiter und gehen dabei sogar über Leichen. Ich kann nicht mehr!

Am schlimmsten ist es, wenn das Reichswarn- und Alarmministerium und dessen Reichswarnminister Schäuble vor der Verunsicherung der Bevölkerung warnt. Geht’s noch? Ist es noch zu fassen? Da kann ich doch nur noch hysterisch kichern. Das ist so, als wenn des Teufels Großmutter vor dem Fegerfeuer warnt, der Weihnachtsmann vor der Rute warnt, das Christkind vor den vielen Geschenken warnt, der Frühling vor dem Pollen warnt und der Erotomane die Jungfrauen vor dem Sittenverfall warnt: Der Täter warnt – und ist so perfekt getarnt!

Ich pack’s jedenfalls nicht mehr. Bin völlig mit den Nerven runter. Letzte Nacht lag ich mal wieder schlaflos im Bett. Zuviel Warn und Alarm den ganzen Tag. Beim Schäfchenzählen kam mir plötzlich die rettende Idee:

Ich hab’s! Ich weiß was, wie wir die Klimaerwärmung stoppen können. Denn alle diese Warner und Alarmer erhitzen nicht nur ihre eigenen Gemüter, sondern erwärmen auch mit Warn und Alarm ständig die Atmosphäre. Abgesehen von dem sinnlosen Stromverbrauch durch die ständig blinkenden gelben, orangenen und roten Warnlichter.

Also: Jedes Dorf, jede Gemeinde, jeder Stadtteil und jede Hauptstadt stellen öffentliche Warn- und Alarmbottiche auf. Immer wenn sich mal wieder ein Politiker, ein Prinz oder sonst irgendein Wichtigtuer mit Warn und Alarm wichtig gemacht hat, muss er in den Bottich – zum Abkühlen. Denn der Bottich ist mit frischen Eiswürfeln gefüllt. Da muss dann der professionelle oder auch laienhafte Warner und Alarmer Platz nehmen und ein Tauchsitzbad durchführen, solange, bis seine Körpertemperatur und sein erhitztes Gemüt wieder auf klimaverträgliche 37° Celsius heruntergekühlt sind. Danach darf er dann, frisch abgekühlt, dem Bottich wieder entsteigen und kriegt von der entsprechenden Gemeinde noch ein kühles, frisches Bier spendiert: Ahhhhhhh, das tut gut. Mal sehen, ob wir nicht so diesem Warn- und Alarmproblem Herr werden!

Doch das ist noch nicht genug: Denn Warnen und Alarmen kostet ja nichts. Es ist so verdammt billig. Und das muss sich ändern. Es muss so richtig kostspielig werden. Ich sehe schon vor mir, wie durch diese Inspiration meiner gestrigen schlaflos durchwachten Nacht, sich die Gemeinde- Stadt- und Hauptstadtkassen füllen werden: Das Warnen und Alarmen wird ab jetzt so richtig teuer: Jeder Warner und Alarmer, der einfach mal so billig herumwarnen und alarmen will, wird es in seinem Portemonnaie und auf seinem Konto zu spüren bekommen – wenn er, ganz wichtig, 1. keine nachvollziehbare Begründung und keinen sauberen Nachweis für sein Warn und Alarm erbringt und 2. wenn er keine Lösung anbietet, falls Punkt 1 erfüllt sein sollte.

Denn warnen können wir uns wahrlich selbst. Das kann schon mein alter Wecker: Der warnt mich morgens immer davor, zu verschlafen. Da brauch ich kein Reichswarn- und Alarmministerium für.

Die Warn- und Alarmgebühr ist gestaffelt nach den Vermögens- und Einkommensverhältnissen des Warners und Alarmers: Ein laienhafter Warner und Alarmer, der sich einfach nur mal wichtig machen wollte, wird mit einer Geldbuße nicht unter 1000 € abgemahnt.

Ein professioneller Warner und Alarmer, z. B. gewählte Politiker, werden mit 10.000 € zur Kasse gebeten.

Vertreter der Reichswarn- und Alarmministerien müssen damit rechnen, zu jeweils 50% aus ihrem Privatvermögen und zur anderen Hälfte aus Bundesvermögen zur Rechenschaft gezogen zu werden. Erfüllen sie Punkt 1 und 2 nicht, so ist die Zahlung von 100.000 € fällig – direkt in die Stadtkasse der jeweils gewarnten bzw. geschädigten Gemeinde.

Mit Vertretern der Weltwarn- und Alarmorganisation (WHO) wird analog verfahren: Erfüllen sie Punkt 1 und 2 nicht, werden sie umgehend abgebußt. Es steht eine Zahlung von 1 Million € an, jeweils zur Hälfte aus ihrem Privatvermögen und aus dem WHO-Finanzfundus. Die Zahlung erfolgt, je nach Thema der als sinnlos entlarvten Warnung, an eine entsprechende wohltätige oder die Wahrheit erforschende Organisation.

Also geht bei sinnlosen Warnungen vor der Schweinegrippe die Zwangsspende an einen wohltätigen Verein zur Befreiung der Schweine und zur Förderung des vegetarischen Gedankens.

Bei sinnlosen Warnungen vor der Klimaerwärmung geht eine zweckgebundene Spende an die deutsche physikalische Gesellschaft, um die Sonnenfleckenaktivität weiter zu erforschen.

Bei sinnlosem Warn und Alarm vor der Vogelgrippe geht eine Spende an den Verein zur Abschaffung der Hühnerlegebatterien und eine weitere an den Was-ist-ein-Virus-Verein.

Bei sinnlosem Warn und Alarm vor Terrorismus geht eine Spende an die internationale Stiftung zur Erforschung und Analyse von Geheimdienstaktivitäten und eine weitere an Kriegsopfer in Irak, Palästina und Afghanistan.

Analog dazu muss das deutsche Reichswarn- und Alarmministerium bei einer ungerechtfertigten Warnung vor Neonazismus eine satte Spende an eine Stiftung zur Erforschung und besseren Kontrolle von Verfassungsschutzaktivitäten abdrücken.

Prinz Charles hätte also wegen seinem Warn und Alarm um den Klimawandel bereits der Stiftung für ökologischen Landbau 100.000 € abtreten müssen. Na, wär das nicht’s für uns beide? Angeblich biogärtnert Charles doch so gerne. Statt billig herumzuwarnen, sollte er lieber Butter bei die Fische tun!

Ja, was so eine schlaflose Nacht nicht alles bringen kann! Ich sehe schon, wie sich die Stadt- und Gemeindesäckel unaufhörlich füllen. Der frische Geldstrom wird Monate anhalten. Jippi, ich habe eine wahre Goldquelle entdeckt. Ja, wie sich die Wirtschaftkrise in einen ungeahnten Aufschwung umkehrten wird: die in den nächsten Wochen und Monaten wie eine Springflut anfallenden Warn- und Alarmgebühren werden die Anschubfinanzierung für unglaubliche Investitionen darstellen! Können Sie es auch schon vor sich sehen? Ahhhhhh, das tut gut!

Solang die Münze nicht im Gemeindesäckel klingt, der Warner nicht aus dem Bottich springt!

Das ist’s. Wir haben die Krise jetzt wieder im Griff! Aber jetzt muss ich mal schnell tschüss sagen: Muss zum Kühlschrank – Eiswürfel holen!

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3 Antworten zu “Warn und Alarm”

  1. Grandios, liebe Friderike! Die treffendste Satire, die ich seit langer Zeit gelesen habe. Beim Eulenspiegel oder der Titanic werden die Redakteuere grün vor Neid. Super! Weiter so!

  2. [...] will ich lediglich auf den neuesten Artikel meiner Kollegin Friederike Beck hier in den ZeitGeist-Blogs hinweisen und ausnahmsweise vor Ehrfurcht ansonsten stille [...]

  3. Silke sagt:

    ENDLICH!!!!!! Endlich jemand der mir aus der Seele spricht. Ich kann diese Riesenverarsche auch nicht mehr ertragen!!!!!

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