Schmerz braucht Bewusstheit

Schmerz

Schmerz

Seit einiger Zeit hatte ich Probleme mit der Nackenwirbelsäule. Zu allem Überfluss kam vor ein paar Wochen noch ein mittelschweres Schleudertrauma hinzu. Zur Erleichterung meiner Pein schwebte mir ein erfahrener, feinnerviger Osteopath vor, der mir mit ein paar Zaubergriffen, irgendetwas, das ich als blockiert und verrutscht empfand, wieder an seine richtige Stelle befördern sollte.

Diesen Herrn fand ich dann auch, und erwartungsgemäß drückte er an zwei Punkten hinter beiden Ohren, und legte meinen geplagten Hals noch jeweils einmal langsam nach rechts und nach links – und klasse! Mein Radius stieg signifikant zusammen mit einem Gefühl der Entblockierung. Ich war auf einem guten Weg.

Gestern machte ich dann einen Fehler. Eine Freundin bot mir im Austausch für einen ihr erwiesenen Gefallen eine Massage an. Eigentlich hätte ich es wissen müssen: Man soll sich nicht von Laien in einen Heilungsprozess hineinmassieren lassen, zumal nicht im Bereich der delikaten Halswirbelsäule.

Heute Morgen ging dann gar nichts mehr. Böse Schmerzen gesellten sich zu einer kompletten Blockade, und ich stellte sogar etwas steigende Temperatur fest. Mist! Ich hätte rechtzeitig „nein“ sagen müssen. Mittags dann kam ein unerwarteter Anruf eines entfernten Bekannten, der sich in unregelmäßigen Abständen jeweils überraschend meldet und mit allerlei kurzweiligen Themen von mittlerer bis hochbrisanter Wichtigkeit meine Aufmerksamkeit für mindestens eine Stunde in Anspruch nimmt. Dieser freundliche Herr erwies sich als meine Rettung, denn er lenkte meine Aufmerksamkeit ganz locker auf andere Themen – meine HWS bekam Entlastung – von meiner Aufmerksamkeit, und damit ließen die Schmerzen nach.

Das nahm ich denn zum Anlass wieder einmal über das Thema „Schmerz“ nachzudenken: Sicherlich fällt jedem Menschen im Laufe seiner Lebenserfahrung als Mensch auf, dass Schmerzzustände in dem Maße unerträglich werden, wie wir uns ausschließlich auf sie konzentrieren. Umgekehrt: Je mehr Ablenkung man sich z.B. bei Kopfschmerz-, Migräneanfällen und anderen Missbefindlichkeiten verordnet, desto besser! Ich persönlich habe z.B. Gartenarbeit oder Spazierengehen gegen Schmerzzustände oder Deprimiert-Sein als wirksam entdeckt.

So viele Menschen, so viele Tricks und Kniffe. Einige machen es z.B. so, wie bei einem Computerbildschirm: Sie klicken auf den Schmerz, wie auf ein Symbol ihres Bildschirmschoners und verschieben dieses weit an den Rand in irgendeine Ecke und parken es dort. Dies gelingt natürlich nicht nur mit Schmerzzuständen, sondern mit jedwedem anderen Bewusstseinsinhalt, z.B. auch dem schlechten Gewissen, einer aufkommenden Erinnerung etc.

Vor einigen Monaten hatte mit eine junge Frau etwas Interessantes erzählt, das meine Betrachtungen insoweit bestätigte: Sie arbeitet als Modedesignerin gelegentlich auch auf Filmsets und bekommt dort so einiges mit. Es wurde bei einer Gelegenheit eine schwere Verletzung am Arm schminktechnisch vorbereitet und dafür zuerst eine Versuchsperson herangezogen, bevor dem eigentlichen Schauspieler die Verletzung „zugefügt“ werden sollte. Die Schminktechniker führten also einen Probelauf bei einem „Versuchskaninchen“ durch und fabrizierten ihm eine klaffende Wunde am Arm.

Die Versuchsperson war nun ab einem bestimmten Punkt der Übung felsenfest davon überzeugt, dass die Crew zu weit gegangen sei und ihre Haut verletzt habe, denn es stellten sich starke Schmerzen ein! Auch beim Entfernen der Verletzungsattrappe „autschte“ die Versuchsperson, denn sie war davon überzeugt, dass ihre Haut aufgerissen sei. Nun, wie wir uns denken können, war nichts davon der Fall. Der Schmerz war eingebildet!

Als dann für die eigentliche Filmaufnahme dem Schauspieler die „Verletzung“ beigebracht wurde, stellten sich bei ihm ebenfalls Schmerzen ein! Auch er war felsenfest davon überzeugt, dass man zu weit gegangen sei und ihm in den Arm gestochen hätte…

Vor einiger Zeit hatte ich auf einer Liege am Strand dösend eine Engländerin in der Sonne die Daily Mail lesen sehen – normalerweise keine meiner häufig zu Rate gezogenen Informationsquellen. Ich entzifferte jedoch von weitem die Überschrift „Beat pain with the power of positive thought“ (Schmerzen bekämpfen mit der Kraft positiver Gedanken), wartete daher, bis die Dame den Strand verließ und klaubte das zerlesene Blatt auf.

Der Bericht der Daily Mail ging um eine Pilotstudie mit Hilfe einer neuen Generation von MRI-Scannern (Magnetresonanz-Bildgebung). Bei Patienten mit chronischen Schmerzzuständen wie Rückenproblemen und Neuralgien, Nervenschmerzen und Migräne wurde das Gehirn mit diesen MRI-Scannern untersucht und dabei der Blutfluss in schmerzrelevanten Gehirnbereichen auf einem Monitor bildlich dargestellt. Den Patienten wurden für das Experiment Spezialbrillen ausgehändigt, welche den Blutstrom als Flamme darstellten. Je größer der Blutstrom, desto größer der Schmerz, desto größer die Flamme. Als nächstes wurden die Patienten dazu aufgefordert, die Flamme dadurch zu verkleinern, dass sie sich auf etwas anderes konzentrierten (Ablenkung!), z.B. einen Urlaub oder sich vorzustellen, wie die Flamme mit einem Eimer Wasser gelöscht oder wie der betroffene Hirnbereich mit starken Schmerzmedikamenten behandelt würde. Die theoretische Fragestellung war, ob ein Patient, dadurch, dass er sieht, wie durch sein Denken die Größe der Schmerzflamme verkleinert wird, lernen kann, seinen Schmerz mit Hilfe der erlernten Techniken zu kontrollieren.

Die Resultate der Pilotstudie zeigten eine ca. 64%ige Verringerung des Schmerzes nach Anwendung der beschriebenen Therapie. „Dies ist die erste klinische Anwendung dieser neuen Technologie, die Menschen ermöglicht, ihrem eigenes Gehirn bei der Arbeit zuzusehen und zu lernen, es zu kontrollieren.“ (Dr. John Hawkinson; Vizepräsident der US-Firma „Omneuron“, welche die Studie in Zusammenarbeit mit der Stanford Universität durchführte.)

Der Artikel kündigte außerdem den Start einer neuen klinischen Studie mit 144 Patienten an und warf gleichzeitig die Frage auf, ob die neue Technologie möglicherweise auch bei anderen Erkrankungen wie Depressionen oder Drogenabhängigkeit erfolgreich sein könnte.

Die Ergebnisse der Studie führen uns vor Augen, was wir ja eigentlich schon wussten: Nämlich, wie mächtig unser Denken ist, und wie wir durch eine zielbewusste Lenkung unseres Bewusstseins, Dinge in Bewegung setzen und verändern oder auch zum Verschwinden bringen können. Denn alles, was existieren und wahrgenommen werden will, braucht unsere Aufmerksamkeit, eben unser Bewusst-Sein.

Die beschriebene Bewusstseinsübung zum Thema Schmerz klärt natürlich nicht vollständig die Frage, was Schmerz überhaupt ist, denn die tatsächliche oder vermeintliche Ursache für die Schmerzzustände blieb ja auch bei den Patienten der Pilotstudie weiter bestehen.

Wir werden an dieser Stelle das Geheimnis „Schmerz“ sicherlich nicht vollständig lüften können. Nur so viel sei noch hinzugefügt: Schmerz ist auch erlernt und steht z.B. immer auch in einem kulturellen und situativen Kontext. Dies wurde mir klar, als ich über längere Zeit eine bisweilen erschöpfte junge Mutter und ihr extrem quirliges, anderthalbjähriges Töchterchen beobachtete: Die Kleine war äußerst waghalsig und motorisch im Verhältnis zu Gleichaltrigen sehr weit vorn. Jedoch konnte sie einfach aufgrund ihrer geringen Körpergröße, der Behinderung durch ihren Windelpopo und ihre noch etwas kurzen, für das Alter typischen O-Beinchen nicht alle Dinge erklettern, z.B. eine hohe Rutschbahn. Daher hatte das Mädchen in ihrem Eroberungsdrang eine besondere Klettertechnik entwickelt: Sie legte ihr kleines Schmerbäuchlein auf eine Sprosse der Leiter zur Rutschbahn, balancierte aus und griff sich dann ruckartig die nächst höhere Leitersprosse, um sich dann klimmzugartig, ächzend mit den Beinchen  weiter hochzuwuchten. Diese körperlichen Gegebenheiten führten nicht selten zu gewissen Abrutschern und Abstürzen. Danach warf das Mädchen der in der Nähe sitzenden Mutter blitzschnell einen Blick zu, um festzustellen, wie schlimm sein Absturz zu bewerten gewesen war. Es fragte also im Grunde eine „Schmerzskala“ ab. Die etwas erschöpfte Mutter war jedoch zum einen recht erfahren, zum anderen hatte sie keine Lust auf ein „Riesentheater“ und schaute daher einfach nur anteilnehmend aber neutral drein. Das war dann für die Kleine Bestätigung genug, um sich klar zu machen, dass alles im Grunde gar nicht so schlimm war und gleich einen erneuten Kletterversuch zu wagen.

Eine ähnliche Situation erlebte ich, als das beschriebene Mädchen sich zum ersten Mal in einem Schwimmbad mit Begeisterung eine kleine Kinderrutsche im Kinderbecken hinunterwarf. Sein Elan und seine Unerfahrenheit ließen es unter Wasser landen, aber natürlich sogleich wieder auftauchen, wo es von dem strahlenden Gesicht seiner Mutter begrüßt wurde, die – schon wieder – keine Lust auf ein „Riesentheater“ hatte. Die Kleine nahm das Ganze also mehr als eine lehrreiche Begegnung mit dem nassen Element wahr und weniger als eine bedrohlich-schmerzhafte Begebenheit.

Für die wegen der angeführten „Experimente“ evtl. besorgten Leser sei angemerkt, dass die besagte Mutter Pädagogin und Kindergärtnerin ist. Beim Klettern gehört es daher zu einer der Grundregeln, grundsätzlich den Kindern nicht nach oben zu helfen, damit diese selbst realistische Einsicht in ihre jeweiligen Fähigkeiten gewinnen, und es so eben nicht zu Abstürzen aus einer Höhe kommt, die gefährlich werden könnte.

Hätte bei den kleinen Abrutschern und Abstürzen die Mutter also nicht besonnen reagiert, sondern mit Panik und wäre herbeigesprungen gekommen, um zu trösten und Heile-heile-Segen zu sprechen, hätte das Kind beim nächsten „Mal“ gewusst, wo der Schmerz zu liegen hätte, denn es wäre ja mit zusätzlicher Aufmerksamkeit quasi dafür „belohnt“ worden …

Schmerz ist ein recht komplexes Geschehen, welches nicht nur Energie in Form von Bewusstheit benötigt, sondern auch unterschiedlich erlernt ist, und dem unterschiedlich begegnet werden kann!

Grundsätzlich gilt für Schmerz dasselbe, was für viele anderen Gemüts- bzw. Bewusstseinszustände wie Schwermut, Fröhlichkeit, Leid, Entzugsgefühle, Beschwingtheit, Trauer, Glücksgefühle etc. auch gilt: Wir können sie mit unserer Aufmerksamkeit „nähren“ oder durch Entzug der Aufmerksamkeit zum Schrumpfen oder sogar zum Verschwinden bringen.

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