Glühwürmchen sein ist schwer – Glühwürmelin ebenso sehr! (Tagebuchausriss)

Pünktlich ab dem ersten Juni bis in den Juli hinein herrscht Glühwürmcheninvasion. Die Johanniswürmchen, auch Leuchtkäfer oder grünschimmernde Laternchen genannt, dringen durch alle Ritzen und Öffnungen des Hauses ein, um sich den dortigen Lichtquellen anzunähern: Glühbirnen, Leuchtröhren, PC-Bildschirme, Notleuchten, Halogenlampen und Leuchtdioden werden ihnen zum Verhängnis; ich mag gar nicht an den violettschimmernden, Brutzellaute von sich gebenden Insektenvernichter meines Nachbarn denken…

Ich habe alle Hände voll zu tun, die verirrten Kerle wieder aufzusammeln und aus dem Fenster zu werfen. Dieser Tätigkeit gehe ich über Stunden nach. Aber es ist nur Schadensbegrenzung, denn die Kerle, es sind tatsächlich Männchen, sind überzeugt, dass all die künstlichen Lichtquellen paarungsbereite Weibchen sind, Leuchtkäferinnnen, Glühwürmelinnen und grünschimmernde Laternchinnen.

Die beherzten Flieger sind bei Tageslicht besehen eher unansehnliche Gesellen, gelblichen Larven mit braunen Flügeln ähnlich, aber bei Nacht werden sie zu Lichtbringern und Lichtsuchern, mache dich auf und suche Licht – aber oh weh! Zum Glück wissen sie, voller Suchbegierde und Lichtgwissheit, nicht, wie schwierig es werden wird…

Die fliegenden Sternschnuppen suchen, mit zwei großen Leuchtplatten an den unteren Körperringen besetzt, ihre Gegenstücke, ihre Sternschnüppelinnen. Damit der Hochzeitsflug nicht umsonst sein möge, haben diese sich gleich mit elf Illuminationspunkten ausgestattet, vier zu jeder Seite und drei an den unteren Körperringen, einem Leuchtpopochen gleich. Die Glühwürmelinnen senden ihre eindeutigen Lichtsignale vom Boden aus gen Himmel, fast ist es wie ein funkelndes Funken, ein an- und abschwellendes Lichtsignal. Damit die auf der Bauchseite befindlichen Leuchtpunkte auch gut zu sehen sind, legen sie sich vorsichtshalber auf den Rücken und strecken ihre Fühlerchen tapfer in die Luft. Und kaum sehen sie, wie ein Leuchtkäfer sich nähert, machen sie fast einen Kopfstand, heben den Hinterleib und schwenken ihn wie einen Lampion hin und her. Aber ach, sie wissen nicht, dass der Leuchtkäfer gerade zu einem Computerbildschirm unterwegs ist.

Biologen nennen den geheimnisvollen Leuchtstoff Lucerin, er bildet die obere Schicht des Leuchtkörpers. Darunter liegt eine Zellschicht die winzige Kristalle eingelagert hat und deshalb wie ein Spiegel reflektiert. Ausgelöst wird das Leuchten durch nervöse Erregung, das war zu erwarten; unter Sauerstoffeinwirkung oxydiert das Lucerin zu Oxylucerin, das war auch zu erwarten. Von der hierbei erzeugten Energie werden mindestens 92% in Licht umgesetzt – das ist wahrhaft phantastisch. Eine Glühbirne vermag z.B. nur einen geringen Prozentsatz der ihr zugeführten Energie in Licht zu verwandeln, ca. 5%, der Rest wärmt unsere Wohnungen und senkt die Heizkosten im Winter.

Es ist mir ein unerklärliches Wunder, dass es – trotz allem – jedes Jahr pünktlich ab dem ersten Juni wieder Glühwürmchen gibt. Auch wenn ich wochenlang morgens vor Erschöpfung erloschen zu Boden gefallene Lichtsucher als erstarrte, auf dem Rücken liegende, kleine, mehlgelbe Mumien tot aufsammeln muss und mich des Gedankens nicht erwehren kann, dass diese kleinen Lichtbringer und Lichtsucher auf sehr konkrete Art den Menschen ähneln.

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