Adrianas Albtraum oder als Erasmus-Studentin in Gaziantep (Türkei)

Ausschnitt aus "El Pais"v. 2.7.2009

Ausschnitt aus "El Pais"v. 2.7.2009

Erasmus-Stipendien sind bei jungen Leuten sehr beliebt: Man lernt Land und Leute kennen, und es bleibt in der Regel neben dem Studium genügend Zeit, auch das Kulturleben der jeweiligen Stadt zu genießen. Vielerorten sind Erasmus-Studenten zu einem Teil des Stadtbildes geworden. Es gibt Erasmus-Pogramme in allen europäischen Ländern – aber auch in der Türkei. Sie werden von der europäischen Komission. d.h. von europäischen Steuergeldern, gefördert und sollen der Integration, dem gegenseitigen Kennenlernen usw. dienen.

In der südtürkischen Universitätsstadt Gaziantep gibt es ebenfalls ein internationales Erasmus-Programm.
Die Region gehört zum kurdischem Siedlungsgebiet und liegt in der Nähe Syriens, des Irak und des Iran.

Adriana Espinosa ist eine 24 jährige Studentin der spanischen Universität Sevilla. Sie möchte Auslandsjournalistin werden und erhielt ein Erasmus-Stipendium für die Südtürkei. Am 15. September 2008 kommt sie in Gaziantep an. Sie ist bemüht, so erzählt sie, sich in der Stadt schnell zu integrieren und teilt sich eine Studentenwohnung mit zwei Türkinnen (kurdischer Abstammung wie sich herausstellt), mit denen sie über einen Professor bekannt gemacht wird. Man freundet sich an, und bei einer Gelegenheit begleitet sie ihre Kolleginnen zu einer Versammlung der legalen kurdischen Partei DTP.  Adriana gegenüber EL PAIS: „Ich hatte nicht das Gefühl, dass es eine illegale Versammlung war. und die Polizei, die uns beobachtete, sagte uns nichts, daher bin ich völlig ruhig weggegangen, mit Material für eine Arbeit für die Universität.“

Ein paar Tage später macht Adriana mit anderen Studenten einen Ausflug ins nahe Syrien. In ihr Zimmer in Gaziantep zurückgekehrt, findet sie ihre Kleider auf dem Boden verstreut, die Schränke offen, ihr Laptop ist weg. Die türkische Polizei war in ihrer Abwesenheit der Wohnung  gewesen. Ihre beiden Wohnungsgenossinnen waren gleich zum Verhör mitgenommen und wegen Unterstützung der illegalen kurdischen PKK angeklagt worden, zuammen mit weiteren 17 Kurden. Adriana flüchtet sich voller Panik in die Wohnung einer spanischen Mitstudentin.

Einige Tage später erfährt sie von einer Professorin, dass ihre beiden kurdischen Freundinnen freigelassen worden seien, ihr wird aber nahegelegt, diese nicht mehr zu treffen. Der Laptop wird über dieselbe Professorin zurückgegeben. Seitdem sind Adriana und ihre spanische Mitstudentin in Panik und fühlen sich beobachtet. Man erzählt ihnen, ihr Telefon würde sicherlich abgehört  und ihr PC angezapft. Aber die Lehrer beruhigen sie, wahrscheinlich werde alles keine Folgen haben.

Am 19. November 2009 jedoch erhält Adriana einen Anruf des Dekanats der soziologischen Fakultät, sie solle sich umgehend dorthin begeben. Auf demCampus wird sie von einem Mann empfangen, der sich als Polizist ausweist; ein Auto mit einem weiteren Polizisten darin rollt heran. Wie sie später erfährt, gibt es auf dem Universitätscampus ein Polizeibüro und Polizisten in Zivil, die sich unter die Studenten mischen und diese beobachten.
Adriana wird in das Auto gebracht , man fährt mit ihr eine halbe Stunde – zu einem Polizeiquartier in der Nähe des Gefängnisses von Gaziantep. Adriana wird dort 1 Stunde lang von einem Staatsanwalt verhört. Eine Frau sitzt dort, die kein Wort sagt. Später begreift sie, dass das ihre Anwältin war. Ein Übersetzer sagt, es gebe ein Dossier mit Fotos von ihr, und sie werde vermutlich wegen “Terrorismus-Propaganda” angeklagt. Man befragt Adriana eingehend über ihr Verhältnis mit den beiden kurdischen Mädchen, die sehr gefährlich seien. Danach wird sie wieder zur Universität zurückgefahren.

Im Januar 2009 unterbricht Adriana ihren Gaziantep-Aufenthalt, um in Sevilla einge Prüfungen abzulegen. Einen Tag bevor sie in die Türkei zurückkehren will, erhält sie eine Epost mit einer Warnung, besser nicht dorthin zurückzukehren, es gäbe “Gefahren”. Adriana forscht nach und erfährt, dass die Polizei inzwischen in ihrer Fakultät in Gaziantep gewesen war und ihre Fingerabdrücke und ihre Anwesenheit vor dem 1. April 2009 gefordert hatte. Am 1. Juli werde es einen Prozess wegen “Vorbereitung und Teilnahme an illegalen Versammlungen” gegen sie geben. Außerdem hatte der Staatsanwalt sie vor dem Gerichtshof von Adana, wo speziell Prozesse gegen “Terrorismus” abgehalten werden, wegen “terroristischer Propaganda” angeklagt.

In ihrer Erklärung vom Juni 2009 betont Adriana, dass sie abgesehen von diesem Ereignis auschließlich positive Erfahrungen in der Türkei gemacht habe. Allerdings, so krtisiert sie, müssten aus diesen Vorfällen Konsequenzen bezüglich der Erasmus-Konvention gezogen werde, denn es ginge nicht an, Studenten ohne Hilfe und Information über Konflikte zu belassen.

Das Gerichtsverfahren begann am 1.7.2009 in Gaziantep. Das türkische Gericht ist dabei, die Akten nach Sevilla zu schicken, damit Adriana dort aussagen kann. Adriana gegenüber EL PAIS: „Der Anwalt hat mir gesagt, dass man uns Teilnahme an illegalen Kundgebungen vorwirft; für den Fall, dass ich schuldig gesprochen werde, wird man mich mit 1 Jahr und sechs Monaten Gefängnis bestrafen, da ich aber keine Vorstrafen habe, hoffe ich, dass ich nicht gehen muss.“

Die Studentin ist bereit, bis vor den Europäische Gerichtshof für Menschenrechte zu ziehen. Sie will einfach nur, dass dieser „Albtraum aufhört“, denn sie hat ihr Studium noch nicht abgeschlossen und möchte nochmals in die Türkei zurück.

Die Geschichte Adrianas sollte allen Erasmus-Studenten, die in die Türkei gehen möchten, bekannt gemacht werden.

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