Russisch Moos (1) oder: Grün vor Neid

Erst werde ich blass und dann grün: Vor Neid. Unter Geiern, der Schatz im Silbersee, im Tal des Todes, der Wildtöter, durchs wilde Kurdistan, Winnetou zehn, seufz, ein Indianertraum wird wahr – der Pierre Brice des Ostens reitet vorbei. Mit einem braunen Pferd höchstpersönlich an der Ostgrenze seines Riesenreiches entlang, und prüft den Zustand der Grenzforts an der mongolischen Grenze in der Provinz Tuwa. Freiheit und Abenteuer! Die Wildnis ruft!

Könnten wir uns das vielleicht bei unserer Bundeskanzlerin vorstellen oder bei unserem Bundespräsidenten? Dass die Kanzlerin in die Wüste oder Wildnis gerufen würde? Die gibt es ja bekanntlich nicht mehr in Deutschland, genauso wenig wie eine Ostgrenze. All das wurde längst abgeschafft, und man kann sich kaum irgendeinen Politiker vorstellen, der noch persönlich die Landesgrenze abschreiten oder abreiten würde. Oder können Sie sich vielleicht Merkel vorstellen, wie sie in Mecklenburg-Vorpommern an der Grenze zu Polen über die frisch begüllten Felder einer ehemaligen LPG, jetzt Schweinezuchtanlage für 100.000 Sauen, reitet ?

Tja, Bizeps und Body von Putin sind eben zum Gebrauch wie geschaffen. Und das zelebriert er ganz selbstverständlich in aller Öffentlichkeit. Er gebraucht seinen Körper und sein Land, er führt vor, was man dort so alles betreiben kann; vor allem kann man dort leben – und das in allen Lebenslagen!

Putin demonstriert überzeugend, wie man in russischen Gewässern schwimmen kann, vor allem Delphin natürlich, das ist am kraft- und wirkungsvollsten, es stärkt die Oberarmmuskulatur und macht gleichzeitig auf die landschaftlichen Schönheiten aufmerksam. Russisch Moos: So weit ist das Land. So weiß der Sand.

Und in Deutschland? Können Sie sich einen einzigen Politiker vorstellen, der endlich mal seine Muskulatur durch Schmetterlingschwimmen stählen würde? Frank-Walter?, Jung?, Guttenberg? Westerwelle, Özdemir? Gysi? Alles Fehlanzeige. Obwohl sich doch in Deutschland die Nordsee anbieten würde. Bei Sturmflut und Warnball könnten die Politiker ihre Krisentauglichkeit medienwirksam in Szene setzen. Merkwürdig, dass keiner diese Chance wahrnimmt. Noch ist Sommer. Es wäre eine echte vertrauensbildende Maßnahme. Es müsste sich doch wenigstens ein/e Politiker/In finden, der/die bereit wäre, die Wogen auf Wangeroge zu durchteilen.

Naja, Merkel wurde beim Schwimmen auf Ischia beobachtet. Wenigstens etwas. Ob das aber in der Krise ausreichen wird? Sehen Sie selbst:

Premier Putin dagegen führt vor, wie er die Elemente im Griff hat, und erzeugt damit ständiges Vertrauen bei seinen Landsleuten: Das beruhigt, besonders, da die nächste Tsunamikrisenwelle bereits ihre Schaumkronen zeigt. Zu Lande, zu Wasser und in der Luft, und auf der Erde sowieso, regiert er. Im Geländewagen, bei Wildwasserfahrten und am Steuerknüppel eines Bombers.

Abtauchen heißt in Russland, in einem U-Boot dem Baikalsee auf den Grund zu gehen; in Deutschland bedeutet das nur ein mit Wasser gefüllter Tümpel, auch als Sommerloch bekannt, in den alle Politiker ihren Kopf halten und so vor der Wahl die anstehenden Probleme ertränken.

Der russische Premier legt seine politischen Gegner noch höchstselbst aufs Kreuz, nach einer Verbeugung und nach allen Regeln der Kunst! Das ist eine sehr elegante Methode im Vergleich zu deutschen Verhältnissen, wo offiziell ein albernes Kasperletheater für Erwachsene aufgeführt wird, aber hinter der Bühne ein unfaires Hauen und Stechen stattfindet.

Putin schreckt auch nicht vor einem Kampf mit Raubkatzen und Großwild zurück, wenn es sein muss. Letzten Sommer rettete er einem Kameramann das Leben, als er reaktionsschnell abdrückte und einen angreifenden sibirischen Tiger mit einem Narkosegewehr betäubte. Solche Leute brauchen wir, solche Eigenschaften sind in der Krise gefragt: Blitzschnelle Entscheidungen treffen können…Können Sie sich einen deutschen Politiker vorstellen, der im Dschungel oder in der Taiga oder von mir aus auch im Bayrischen Wald funktionierende Reflexe zeigen würde? Angelus?, Frank-Walter?, Jung?, Guttenberg, Özdemir? Gysimir? Oder, Au weia, Westerwelle? Alle Reflexe sind da doch weg. Wegtrainiert. Es gilt schließlich Fraktionszwang in Deutschland. Glauben Sie, irgendeiner von denen würde Sie vorm Tiger retten? Ich würde mich darauf nicht verlassen!

Der russische Premier legte sich sogar mit dem schrecklichsten der Schrecken – mit einer Heuschrecke an. Mit dem Oligarchen Oleg Depriaska, der mit seiner Autofirma GAZ zusammen mit Sherbank und Magna gerne als Opelretter(!) auftreten möchte. Depriaska hatte vor zwei Jahren bei Sankt Petersburg Zementwerke aufgekauft und nahm die Weltwirtschaftskrise jetzt als Vorwand, seinen Arbeitern monatelang keine Löhne mehr zu zahlen, nach dem Motto: „die Nachfrage ist sehr schwach.“ Verzweifelte Arbeiter blockierten daraufhin die Autobahn. Das nahm Putin zum Anlass sich persönlich einzuschalten. Bei dem Besuch der Fabrik schnauzte der Premier, Depriaska habe das Werk zu einer „Müllhalde“ verkommen lassen. Putin nötigte den Oligarchen vor laufender Kamera zu einer Unterschrift und zur Geldüberweisung an die Arbeiter. Bravo! So ist es richtig. Die Heuschrecken sollten auch in Deutschland identifiziert und an ihre Verantwortung erinnert werden. Hier eröffnen sich für profilsuchende Politiker ungeahnte Möglichkeiten. Wenn z.B. bei einem Banker der Kredithahn klemmt, obwohl er gerade Milliarden an Steuergeldern erhalten hat, sollte er vor laufender Fernsehkamera zum Unterschreiben einer Kreditgarantie… Oder ist diese Methode etwa zu derb für unsere feinsinnigen westlichen Oligarchen und unsere feinfühligen Politiker? Auf jeden Fall sollten wir gewarnt sein, denn wer seine Zementwerke „BaselCement“ wegen Wirtschaftsflaute zu Müllhalden verkommen lässt, wird auch die Adam-Opel-AG nicht besser behandeln, wenn diese erst einmal ausgeschlachtet ist…

Heute war in der Zeitung zu lesen: „Mehrheit der Deutschen hält keine Partei für fähig, die Probleme Deutschlands zu lösen“. Beim „ARD-Deutschlandtrend August“ gaben 52% der Befragten an, die Probleme seien so groß, dass sie keiner Partei zutrauten sie zu lösen. Diesem Umfrageergebnis entspricht die tiefe Einsicht des mündigen Bürgers in die tiefe Unfähigkeit der Politiker.

Die Krise schreit nämlich nach besondere Maßnahmen. Das Land kann es sich nicht mehr leisten, eine Lösung derselben Politikern zu überlassen, die keinen anderen Muskel als den Redemuskel trainiert haben. Rhetorik ist einfach zu wenig. Besondere Krisenfähigkeiten sind angesagt, als da sind: Unerschrockenheit, Todesmut, Durchhaltevermögen, Reaktionsschnelle, funktionierende Reflexe — eben mens sana in corpore sano. Als Akutmaßnahme sollten Bundestagsdebatten nur noch oberkörperfrei abgehalten werden, damit der Bundesbürger den Zustand der Oberarmmuskulatur seiner Volksvertreter überprüfen kann. Für die Volksvertreterinnen kann selbstverfreilich keine Ausnahme gemacht werden – frau ist schließlich gleichberechtigt.

Um für die anstehenden Verhandlungen mit Raubtieren aller Art, wie Heuschrecken, sog. Investoren, Geldhaien, dreisten Bankern und west-östlichen Oligarchen gewappnet zu sein, müssen sie sich in Zukunft körperlich und geistig ertüchtigen, d.h. ab sofort! Dafür dient uns Putin als dankenswertes Vorbild: Da Deutschland in Ermangelung einer Taiga oder von sibirischen Tigern über keinen geeigneten Trainingsplatz verfügt, muss ein solcher eben geschaffen werden. Als Notbehelf dient zunächst die Großkatzenmagnege des Zirkus Knie und das Piranjabecken des Kölner Zoos. Sobald die Politiker-Camps fertiggestellt sind, werden als erstes sämtliche Parteispitzen mit Regierungsambitionen dorthin überstellt.

Das Politiker-Camp ist keineswegs mit einem Drill-Camp im Stile von Yes-Sir-No-Sir zu verwechseln. Ganz im Gegenteil: Hier sollen nicht Menschen gedemütigt und in den Staub getreten werden oder gar noch ihre masochistische Seite entdecken lernen, falls sie diese nicht ohnehin schon ausleben, nein, hier sollen die edelsten Eigenschaften und Muskeln für die Bewältigung einer Krise systematisch getestet und trainiert werden. Eine Art Dschungelcamp der Premium-Klasse eben.

Auf die Fraktionsvorsitzenden z.B. wartet ein Haifischbecken, das sie durchkreuzen dürfen, dann eine Schlangengrube, alsdann müssen sie eine Nacht im Löwenkäfig verbringen, die Überwachungskamera ist aus Sicherheitsgründen natürlich immer dabei, anschließend müssen sich die Politiker vom Berliner Reichstag abseilen oder alternativ in die Spree springen, krönender Abschluss bildet ein Dauerlauf nicht unter einer Stunde, denn die Ausdauermuskulatur ist gerade in einer Krise besonders wichtig.

Der pädagogische Effekt ist klar: Hat ein Spitzenkandidat erst einmal eine Nacht mit einer Großkatze gekuschelt, so ist er garantiert anschließend in der Lage auch einen Großbanker zu zähmen. Die vielen unvergesslichen Momente im Haifischbecken und in der Schlangengrube werden ihm auf seinem weiteren Politikerweg viele verschüttet geglaubten Eigenschaften wieder erwecken…

Es könnte natürlich passieren, dass kein Spitzenpolitiker diesen strengen neuen Qualifikationen und Krisenkriterien genügen kann. Aber das wäre ja noch das geringste Übel. Dann schreiben wir die Stellen halt einfach zur Neubesetzung aus.

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2 Antworten zu “Russisch Moos (1) oder: Grün vor Neid”

  1. Amor sagt:

    Все отлично, только бы подробнее.

  2. happyone sagt:

    lustig :)

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