Wal-fahrt-nuss; Tagebuchausriss

Jedes Jahr im Oktober pilgere ich zu einem großen Walnussbaum, der nur von mir beachtet zu werden scheint. Sehr oft war das Wetter widrig, langer Regen zum Beispiel ließ die Nüsse feucht werden, aufweichen und alles mögliche Getier interessierte sich schnell für den köstlichen Inhalt der harten aber nicht unüberwindlichen Schale. Dieses Jahr bin ich goldrichtig.

Es hat nur ein Mal geregnet. Das hat die fast apfelgroßen grünen Außenschalen aufplatzen lassen. Ein ovales Guckfenster zeigt einen zartbraunen Inhalt. Man braucht nur noch hineinzugreifen und aus einem feinen, weißen, dehnbaren Haarnetz die harte, fast völlig trockene Nuss langsam herauszulösen. Perfekt.

Jeden Abend kehre ich mit einer riesigen, schweren Tüte nach Hause. Das wird noch tagelang so gehen, wenn nichts dazwischen kommt. Die Nüsse sind so groß, dass sie in keinen meiner Nussknacker hineinpassen. Das Aroma ist unvergleichlich besser als das fade, bittere der „goldenen“, geschwefelten „Jumbos“ aus Kalifornien, die dann demnächst in den Supermarktregalen liegen werden.

Ein paar dieser Nüsse stellen zusammen mit einem Apfel, Kakis oder Granatäpfeln eine Mahlzeit mit einem stundenlangen Sättigungseffekt dar. Solange Obst aller Art und Nüsse tonnenweise verfaulen, kann es offensichtlich keine Krise geben, außer der, dass der Sammel- und Erntetrieb im Herbst zusammen mit dem Bückreflex bei einer Mehrheit von Zeitgenossen vollständig verkümmert sein muss.

Umso ungestörter kann ich ungesehen unter den bis auf die Erde reichenden Ästen des Walnussbaumes in Ruhe meinen Leidenschaften frönen: Ich halte meine Nase in die glatte, grüne Walnussaußenhaut und inhaliere immer wieder. Eine unwiderstehliche Duftkomposition: Grundnote ist ein sattmachender, selbstzufriedener, herb-runder Geruch, darunter liegt stützend eine gewisse Strenge, die Kopfnote ist frisch-duftig, entfernt edel-süß. Eigentlich ein perfekter Männerduft, den man unbesehen in einem Flakon veredeln könnte. Name: Einfach Walnuss oder trendiger: Wolnat. Ein Vorschlag für Hermengildo Duzzi und Massimo Bazzi…

Da fällt mir auf, dass diese Duftkomposition auch für die knappe Beschreibung eines (in meinen Augen) interessanten Mannes zutreffen würde:

Wenn man zur rechten Zeit vorbeischaut, gewährt er unaufdringlich gewisse Einblicke in sein Innenleben, zunächst bemerkt man eine ziemlich harte, aber eben doch nicht undurchdringliche Schale, dann ersteinmal eine gewisse Strenge, die Unterhaltung ist interessant, es gibt einige frische Ideen preis, ohne geschwätzig zu werden, umgibt sich mit einer herb-männlichen Aura. Bisweilen sogar einladend, aber, wenn er Emotionen oder Inneres preisgibt, nie süßlich.

Wie alles enden wird? Vermutlich, wenn alles goldrichtig ist, hole ich irgendwann mein halbmondförmiges Nussmesserchen heraus und öffnen vorsichtig die harte Schale, indem ich am empfindlichen Nussnabel ansetze. Und dann sehe ich sein unvergleichlich köstliches und reichhaltiges Inneres. Es macht mich zufrieden. Es reicht für den Rest des Lebens. Sattmachend. Aber nicht, was meinen Magen angeht, für diesen sorgen schon die Walnüsse.

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