Es geschieht am helllichten Tag!

Es spielt sich unter unser aller Augen ab, am helllichten Tag, und jeden Tag aufs Neue. Mitten in Deutschland. Aber bekanntlich sehen wir ja dann die Dinge besonders schlecht, wenn sie uns besonders nah sind. Es geht um Kinder. Und es sind viele. Doch wir schauen immer noch weg:

Wenn die Kinder nach stundenlanger Arbeit nach Hause kommen, während der sie eingesperrt und in ihrer Bewegung gehindert waren, sind sie vor Erschöpfung meist nicht ansprechbar, ausgelaugt, wollen einfach nur in Ruhe gelassen werden. Meistens müssen sie erst einmal mindestens eine halbe Stunde vor einem Computerspiel „abhängen”, bevor sich die Lebensgeister bei ihnen wieder melden.

Doch damit ist der Arbeitstag noch lange nicht beendet. Es folgen noch mindestens 1-2 Stunden Heimarbeit, bevor viele noch einer freiwilligen Arbeit am späten Nachmittag nachgehen. Berücksichtigt werden müssen weiterhin auch die Anfahrtswege zur Arbeit, das macht leicht noch einmal 1-2 Stunden pro Tag aus, wenn da Kind Pech hat. Die Rede ist von Kinderarbeit in Deutschland, hier und heute im Jahr 2009.

Schauen wir endlich hin, und reden wir nicht nur von einer Kultur des Hinschauens! Ja, es geht um Schule, insbesondere um „G8“, d.h. Gymnasium mit Abitur schon nach acht, statt nach neun Jahren, wie bislang. Unterrichtsstoff, der im Prinzip eher mehr, denn weniger geworden ist, muss nun in viel kürzerer Zeit absolviert werden. Rein rechnerisch ergeben sich, je nach Bundesland und Schule für die Jahrgangsstufen fünf bis neun eine Zweiunddreißig- bis Fünfundreißigstundenwoche. In Nordrhein-Westfalen fällt im Mittel z.B. eine 32,1 Stundenwoche an. Das sind rein rechnerisch 6,42 Arbeitstunden pro Tag. Das bedeutet, dass selbst elfjährige Schüler mehrmals in der Woche bis zur siebten Stunde arbeiten müssen und erst gegen drei Uhr mit der Arbeit fertig sind, manchmal sogar noch später, je nach Schultyp. Bis zur sechsten Stunde muss spätestens eine Mittagspause eingeräumt werden, darauf hatten Menschenrechtsgruppen immer wieder gepocht. Daher wird bis in den Nachmittag hinein unterrichtet. In diesen Mittagsstunden stehen nicht etwa Sport oder irgendeine AG auf dem Plan, sondern so wichtig Fächer wie Geschichte oder Geographie.

Zu den 32-35 Stunden pro Woche kommen im Schnitt ca. 1 Stunde Fahrtzeit zur Arbeit, manchmal auch mehr,  und mindesten eine Stunde zusätzlich für die Heimarbeit. In der Realität haben wir es also mit einer Zweiundvierzigstundenwoche zu tun – bei Kindern! Nicht mitgerechnet sind außerschulische Arbeiten, wie Musikunterricht, Nachhilfestunden u.ä.

Die Frage ist: Warum, sind die Kinder immer so müde, wenn sie aus der Schule kommen? Die Antwort gibt unser Biorhythmus: Wir Menschen unterliegen Rhythmen, wie etwa dem Tag/Nacht-Rhythmus, auf den unser Organismus eingestellt ist. Während des Tages werden wir durch die Stresshormonausschüttung der Nebenniere, also von Adrenalin und Kortisol, für den Tag fit gemacht. Die Hormonausschüttung fängt schon in den frühen Morgenstunden an, in etwa bei Sonnenaufgang. Alle Stoffwechselvorgänge laufen morgens auf Hochtouren, das Herz pumpt besonders kraftvoll. Bis ca. zwölf Uhr funktionieren Konzentrationsfähigkeit, Gedächtnisleistung und Sprachvermögen besonders gut, dann aber kommt der „Knick“. Die körperliche und geistige Leistungsfähigkeit nimmt ab, der Blutdruck sinkt, ein Mittagsessen oder ein Pausenbrot in der Schule tun ein übriges, der Blutzuckerspiegel sinkt ab, der Magen verwendet alle Energie zur Verdauung, der Körper verlangt nach einem Ruhepäuschen.

Natürlich wird dies den Kindern nicht gewährt –  das Arbeitspensum muss schließlich geschafft und der Soll erfüllt werden – sondern nach einer meist nur kurzen Pause (15-20 Min.) muss weitergearbeitet werden. Der Biorhythmus muss sich eben „G8“ anpassen. Das nächste körperliche und geistige Leistungshoch zeigt sich aber erst wieder ab ca. 16 Uhr, so sagen uns Mediziner und Biologen. Da haben die Schüler dann bereits ein spätes „richtiges“ Mittagessen zu sich genommen und sollen in der zweiten Verdauungsschwere dann ihre Heimarbeit bzw. Hausaufgaben verrichten, wie es beschönigend genannt wird.

Wann, so fragt man sich, nahm dieses Kinderelend seinen Lauf, wie konnte so etwas passieren?

Die OECD, die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung mit 30 Mitgliedstaaten, darunter die meisten EU-Staaten und andere große Industrieländern, führte Vergleichstudien durch und stellte fest, dass in Deutschland Studierende mehr Zeit für einen Abschluss brauchten, als im internationalen Vergleich. Vor Aufnahme des Studiums wird zudem oft noch eine Ausbildung vorgeschaltet, oder Wehr- und Zivildienst abgeleistet. 2001 brauchten deutsche Studierende sieben Jahre für einen Universitätsabschluss und 5 Jahre für einen Fachhochschulabschluss. Das wollte man nicht mehr so hinnehmen. Das OECD-Mittel lag bei etwas über vier Jahren. Besonders krass fiel der Vergleich zwischen Deutschland und Großbritannien aus: Deutsche Studenten waren in der Regel 30 Jahre alt, wenn sie die Uni verlassen, in England dagegen waren sie unter 25 Jahren.
Der OECD waren das dreigliedrige deutsche Schulsystem und die deutschen Studienabschlüsse ein besonderer Dorn im Auge. Daher verfiel man auf die Idee, die Schüler für die langen Studierzeiten „büßen“ zu lassen, und die gymnasiale Schulzeit um ein Jahr zu verkürzen. Durch die zeitliche Mehrbelastung konnte man quasi als logischen Folgeeffekt auch die Ganztagsschule einführen. Denn welche Familie kann sich mit übermüdeten Kindern nachmittags noch mindestens eine Stunde mit Hausaufgabenbetreuung herumplagen? Hier springt der Staat ein. Und wie so oft ist derjenige, der das Problem geschaffen hat, dann auch der Retter in der Not.

Die Einführung neuer, schneller zu verwirklichender Studienabschlüsse (etwa wie das Bakkalaureat, kurz BA), für diejenigen, die nicht unbedingt eine akademische Vertiefung erstreben, sondern eher eine schnelle Wissensvermittlung wünschen, um dann baldigst eine berufliche Laufbahn zu beginnen, hätte als Abhilfe durchaus gereicht. Die angestrebte Ganztagsschule war aber auch noch aus einem anderen Grund wichtig:

Die sog. Pisa-Studie der OECD untersucht seit dem Jahr 2000 in regelmäßigen Abständen in bestimmten Testverfahren Lesekompetenz und Kenntnisse in Mathematik und Naturwissenschaften bei Fünfzehnjährigen in den OECD-Mitgliedstaaten. Die Studie 2003 ergab, dass in Deutschland geborene Kinder von Migranten z.B. in Mathematik schlechter (432 Punkt) abschnitten als Migranten der ersten Generation (454 Punkte) und Schüler ohne Migrationshintergrund (525 Punkte). Ähnlich sah es in sprachlichen Kompetenzen aus. Insbesondere fiel das sehr schwache Abschneiden türkischer Kinder auf.

Dies alarmierte die Kultusministerien, denn ein gutes Drittel der Erstklässler stammen vielerorten (z.B. in NRW) bereits aus Familien mit Migrationshintergrund. Man sah die Gefahr einer gespaltenen Gesellschaft. Das wollte man nicht hinnehmen. Seither nehnmen die Bestrebungen des Staates, alle Kinder schon ganz früh und möglichst lange unter seine Fittiche zu nehmen, deutlich zu.

Es kann der Eindruck entstehen, dass ausgerechnet Kinder das ausbaden müssen, was jahrzehntelang in der Hochschulpolitik und in der Einwandererpolitik versäumt wurde. Für beide Bereiche, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben, sich jetzt aber in der Schulpolitik auf merkwürdige Art überschneiden, fehlte lange jede politische Steuerung bzw. Initiative.

Und so kommt es, das wir aus zwei völlig verschiedenen Gründen im Jahr 2009 das haben, was wir als das langsame Verschwinden der Kindheit ansehen müssen: Denn Spiel oder Feizeit oder Nichtstun ist nur verschenkte Lernzeit und verschenkte Zeit für staatlich angeordnete Integrationsbemühungen. Daher setze ich die Kindheit, die nach europäischem Verständnis etwa seit der Romantik als ein vom Erwachsenendasein klar zu unterscheidende Lebenszeit angesehen wird, auf die Liste der bedrohten Lebensformen. Mit ihr sind bedroht: Unbeschwertheit, Verspieltheit, Eigeninitiative, Fantasie, Zeit zum Träumen, Faulsein, Ausprobieren, ausschlafen können… und das tun, was kein „Leerplan“ vorschreibt.

Was wir heute in der Bildungspolitik sehen ist ein immer stärkerer Trend zur Verstaatlichung der Kinder und einer Verschulung der Kindheit.

Was 2001 als Versuch anfing, ist unterdessen zum staatlichem Zwang geworden (wie so manches andere auch…):

Am 4.3.2009 ging folgende Nachricht durch die Medien:
Mosbach: Die Chancen für das Mosbacher Auguste-Pattberg-Gymnasium, einen neunjährigen Zug einzuführen, sind gen Null gesunken. Einen Antrag der Schule im Neckar-Odenwald-Kreis auf einen Schulversuch “G8plus” lehnt das Regierungspräsidium Karlsruhe ab.
“Das achtjährige Gymnasium ist gesetzlich verankert und flächendeckend eingeführt. Wir wollen keine Verlängerung der Schulzeit durch die Hintertür”, sagte Behördensprecher Konrad Weber der Deutschen Presse-Agentur dpa auf Anfrage. Das Gymnasium hatte das Konzept an den Bildungsplänen für G8 orientiert. Der Stoff soll zur Entlastung der Schüler aber auf neun Jahre verteilt werden. Sie haben derzeit in der Unterstufe 32 und in Mittelstufe 36 Wochenstunden.
Der Anstoß für die Pläne des Gymnasiums war von einer Umfrage unter den Eltern ausgegangen. Bei der Befragung der Eltern im Jahr 2006 war herausgekommen, dass die auf acht Jahre verkürzte Gymnasialzeit in jeder zweiten Familie zu einer deutlichen oder störenden Mehrbelastung geführt hatte. Den Start der zweiten Fremdsprache in der fünften Klasse empfanden 60 Prozent der Eltern als zu früh. Drei von vier der befragten Eltern hätten bei einer Wahlmöglichkeit ihr Kind in dem verlängerten Zug anmeldet.
Der Rektor des Gymnasiums, Hans-Peter Haas, gab keinen Kommentar zu der Ablehnung. Auf Weisung des Regierungspräsidiums äußere er sich nicht: “Mir sind die Hände gebunden.” Der Bildungsexperte der SPD-Fraktion, Frank Mentrup, sagte: “Man hat offensichtlich Angst davor, Kontrolle aufzugeben. Von einem konstruktiven Miteinander von Schulen, Schulträger und Eltern kann keine Rede sein.” Es sei bedauerlich, dass ein Schulleiter, der sich auf Vorschläge der Eltern einlasse, mit einem Maulkorb und einem Denkverbot belegt werde. “Da wird die Motivation, die Schulen weiterzuentwickeln, im Keim erstickt.” Die Ablehnung werde dazu führen, dass mehr Schüler mit Gymnasialempfehlung auf die Realschule wechselten als nötig…

Derzeit räumen Polizisten an Universitäten Hörsäle mit streikenden Studenten: Bildungsstreik. Insbesondere protestieren die Studierenden über die völlg verschulten und zu kurzen BA-Studiengänge sowie auch bei Master-Studiengängen wegen überfrachteter Lehrpläne, Verschulung, Anwesehnheitslisten und „gegen Semesterende bis zu 10 Klausuren innerhalb von 1-2 Wochen”.(GA Bonn 21./22.11.2009)

Auch die Eltern haben sich unterdessen formiert. Sie beklagen einen zunehmenden Schulstress bei ihren Kindern, seit der Schulzeitverkürzung an Gymnasien von 9 auf 8 Jahre (G8) und setzen sich dafür ein, das Abitur wahlweise nach 8 oder 9 Jahren zu ermöglichen. Dazu hat eine Elterninitiative in NRW eine Umfrage gestartet, die man hier einsehen kann. Angesichts der Missstände, erscheint es äußerst sinnvoll, diese Initiative der ”Bürgerinitiative familiengerechte Bildung und Schule G-IB-8“ zu unterstützen! Auf der Startseite der Bürgerinitiative heißt es:

Es muss dringend eine Veränderung im derzeitigen Schulsystem stattfinden.

Die Verkürzung der gymnasialen Schulzeit um ein Jahr (G8) bringt keine besseren Schüler auf den Arbeitsmarkt. G8 führt dazu, dass Kinder extrem überlastet werden und erkranken, während Eltern ihre Rolle als Erzieher/innen nicht mehr einnehmen können.

Es muss verhindert werden, dass Eltern nur noch das Funktionieren bzw. das Überleben der Kinder in diesem Schulsystem verwalten und damit zum Ausführungsorgan einer Schulpolitik degradiert werden, der sie nie zugestimmt haben.

Die Pflicht auf G8 muss weg, mehr Wahlfreiheit muss eingeführt werden, wie z.B. erneut die Möglichkeit für G9, damit ein familiengerechtes Leben im Einklang mit Schule wieder möglich ist.

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3 Antworten zu “Es geschieht am helllichten Tag!”

  1. Chrischian sagt:

    Ich meine im europäischen Ausland dauerts bis zur Hochschulreife doch auch nur 12 Jahre? Insbesondere in den neuen Bundesländern kennt man doch kaum was anderes, als das Abi in 12 Jahren. Manche Experten meinen, es wäre daher ein westdeutsches Problem?

  2. Friederike Beck sagt:

    Auch wenn’s bis zum Abitur 14 Jahre dauern würde: Die Gesamtschulzeit ist nicht das eigentliche Problem, sondern dass der gleiche bzw. tendenziell mehr Lernstoff nunmehr in 12 Jahren zusammengestaucht wird und schon in der Unterstufe teilw. 7/8 Stunden Unterricht pro Tag gegeben werden. Schon mal sowas mitgemacht? Ich ja: Allerrdings nur in einer AG in der Oberstufe; alle hingen “in den Seilen” und gähnten, einschließlich der Lehrerin.

  3. Birgit Dünkler sagt:

    Liebe Frederike, Sie haben völlig recht. Keiner schaut sich mal die gequälten Kinderseelen an, wenn sie da nicht mitkommen im Unterricht. Die Lehrer arbeiten nur mit Druck und Drohungen, um die Schüler zu Leistungen zu bringen.Viele Eltern machen sich da auch mit zu Erfüllungsgehilfen und üben Druck und Bestrafung aus, statt ihre Kinder in Schutz zu nehmen.Und die Kinder haben keine Lobby. Sie erleben zum größtenteil die Schule als freudlos, erdrückend und sogar gefängnisähnlich.
    Kein Kind, daß ich kenne, geht gern zur Schule.Viele klagen sogar über schikanierende Lehrer und die Unmöglichkeit in solchen Fällen die Schule wechseln zu können, obwohl wir freie Schulwahl im Gesetz haben. Es wäre wünschenswert wieder mehr auf die Bedürfnisse der Kinder zu achten. Sicher würde sich mancher Gang zu Psychiater erübrigen.Wobei diese auch nur Ritalin verordnen.(“Wirkt so ähnlich wie Kanabis.”sagte mir dafür werbend eine Kinderpsychiaterin)Was soll man davon halten?
    Tja,wer dem Leistungsdruck nicht standhält, sollte sich in dieser Gesellschaft beizeiten aufputschen lernen.

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