Totensonntag (Tagebuchausriss)

Im elften Monat des Jahres verliert das Licht endgültig den Kampf gegen die Dunkelheit, und es wächst eine Trauer über den zunehmenden Verlust des Hellen.

Der Totensonntag stand ganz unvorhergesehener Weise im Zeichen von Klang, Ton, gibt es da noch ein drittes Wort?

Bei Schloss Hamborn begann es völlig unerwartet mit dem Spiel zweier Sopranleiern, einem Stück von Max Gross. Die Leier, dieses so zerbrechlich und exquisit klingende Saiteninstrument, das auch die Griechen spielten, ist dem Wind ähnlich, wenn er in hängende Klangstäbe oder Röhren greift, ein Windspiel eben.

Das Zusammenspiel der Leiern entwickelte einen kristallinen Zweiklang, ein Zwiegespräch beider Instrumente, zart, bescheiden und kostbar. Ich vermute, dass sogar der Komponist selbst eine der Leiern spielte. Das war die eine Seite von Klang. Wie mit Zustimmung des Zufalls dargereicht und mehr unter der Oberfläche wirkend, die Komposition wollte nicht alles zeigen und hörbar machen, nur andeuten, das meiste blieb im Innern des Zuhörers zu tun, so wie im Winter ja auch das meiste unter der Oberfläche spielt. Ich war dankbar dafür, solche Klänge sicher noch nirgends sonst gehört zu haben, was mir zugleich bekräftigte, dass die Musik nie aufhören wird.

Der Hohe Dom zu Paderborn

Der Hohe Dom zu Paderborn

Dann noch schnell den Paderborner Dom besichtigen, aber der Titel „Hoher Dom zu Paderborn“ hätte es mir schon ankündigen können: Nach dem Abendmahl setzte ein Orgelgetön ein, ein Orgelbrausen, das ich überhaupt noch nie und nirgends so erlebt hatte – außer vielleicht als inneren Zustand – und was vor Augen und Ohren hielt, dass die Orgel, auch, weil sie mit dem ganzen Körper gespielt werden muss, das gewaltigste und sinnenhafteste unter den Instrumenten ist; denn sie lässt keine Zelle des Körpers unberührt, verschont nichts und niemanden und zieht alles in ihr Beben, ihr Orgeln, keine Ecke, kein Fleck des Kirchenschiffs kann sich ihr entziehen. Sie macht neu, denn sie taucht alles in ihr unerbittliches Klangbad.

Der Hohe Dom zu Paderborn besitzt als Sinnbild der Dreifaltigkeit auch eine dreifältige Orgel: Eine Turm-, eine Chor- und eine Kryptaorgel. Ich vermute, dass an diesem Abend die Chororgel gespielt wurde, die sich über dem Altar befindet. Ich weiß nicht, wer der Organist war, ihn kann natürlich nicht der Teufel geritten haben, auch kann er nicht einen Heidenspaß gehabt haben, bei dem, was er uns da angedeihen ließ. Ich glaube nicht, dass es das gewöhnliche kirchliche „Abendgeschäft“ gewesen ist, eher eine Art heiliger Anfall oder Eifer, mit dem er sich über seine Orgel und diese sich über uns hermachte, ein machtvoller Moment jedenfalls, in dem er uns nach allen Regeln der Tonkunst bearbeitete.

In Peter Jacksons Tolkien-Verfilmung von „Der Herr der Ringe“ gibt es im ersten Teil eine Fluchtszene, in der die Elbenprinzessin Arwen mit ihrem Pferd und Frodo im Sattel, den sie retten will, von den dunklen und gefährlichen Nazgûl in die Enge getrieben wird. Schließlich ist sie fast völlig von Feinden umgeben am Ufer einen Flusses, und sie weiß nicht mehr, wo sie sich hinwenden soll. In höchster Not beschwört sie in der vokalreichen, dem Karelischen nachempfundene elbischen Kunstsprache die Flut der Bruinen. In der Ferne sieht und hört man die anschwellenden Fluten heranbrausen und während sie sich scheinbar überschlagen, verwandelt sich das stärkste und schnellste Tosen in galoppierende weißschäumende Schimmel, welche die schwarzen Nazgûl unter Fluten und Hufen begraben.

Das an diesem Totensonntag bzw. Allerseelen gespielte Orgelstück muss ein schweres Ringen zu Thema gehabt haben, mindestens etwas ähnlich bedeutsames wie den Kampf des Lichtes gegen das Dunkel, jedenfalls das Ringen zweier annähernd gleich starker Mächte. Der Angriff wurde in Klangwellen vorgetragen und immer wieder aus einer völlig unerwarteten Richtung neu und erschreckend akzentuiert. Die Wellen rollten heran wie die Fluten der Bruinen, der Hörer fühlte sich inmitten dieser Brandung dem Ertrinken nahe, Welle um Welle brauste durch das Kirchenschiff, vervielfältigte sich, brandete tosend wieder an, um von einem Aufschrei der Orgel kurz unterbrochen zu werden…

Die Bartholomäus-Kapelle von außen

Die Bartholomäus-Kapelle von außen

Hinter dem Paderborner Dom, steht eine kleines, äußerlich schlichtes, helles Haus direkt neben den Ausgrabungsmauern der früheren Königshalle der ottonischen Königspfalz, die im Jahr 778 abbrannte: die sog. „Bartholomäuskapelle”, die Bischof Meinwerk um 1017 von griechischen Bauleuten errichten ließ. Sie ist absolut einzigartig und wurde nie nachgeahmt. Das Innere der Kapelle ist eine sog. Hallenkirche im byzantinischen Stil, deren Hängekuppeln sich zu einer wundervollen Decke aufwölben, die auf zierlichen Säulen ruht, welche die Halle in Hauptschiff und Seitenschiffe gliedert. Die kleine Kapelle misst nur wenige Quadratmeter. Hoch liegende Fenster bilden einen Strahlenkranz. Die kleine, grazile Kapelle wurde in ihrem tausendjährigen Leben niemals angetastet oder zerstört, auch nicht im Zweiten Weltkrieg, der den Paderborner Dom ansonsten schwer traf. 1978 setzte man ihr eine neue, bronzene Türe ein.

Die Kapelle birgt ein phantastisches Geheimnis: Sie ist die Hüterin des Tons. Wenn ein unbedarfter Besucher zufällig hineinstolpert, wird er bald eines ungeahnten akustischen Phänomens gewärtig. Es ist so intensiv, dass vor der Kapelle eine Tafel aufgestellt ist, die vor Missbrauch warnt. Die Kapelle ist wie ein riesiger Lautsprecher, der jeden Atemzug aufzeichnet und verwandelt. Aber noch wichtiger ist: die Kapelle lässt nur einzelne, reine Töne zu, quasi in ihrer Urform. Das liegt darin begründet, dass sie jedweden Ton zum Leben erweckt: Er wird von dem Gewölbe aufgenommen und zurückgeschickt und gegen die Bronzetür wie gegen einen riesigen Gong geschlagen, worauf der Klang sich wieder in das Hallengewölbe wirft, dieses Spiel geht fort und fort und auch, wenn es von der Mangelhaftigkeit des menschlichen Gehörs scheinbar irgendwann beendet wird, so dämmert jedem Zuhörer wenigstens unbewusst etwas von der unendlichen Dimension des Tons.

... und von innen

... und von innen

Ein gesungener Ton zum Beispiel verwandelte sich in dieser Kapelle in eine lebendige Wesenheit und wir verwandeln uns ebenso in Klang, da wir an diesem Ort gar nicht anders können. Jedoch kann man hier keine Melodien singen, da jeder Ton zu lange „lebt“ und jede einfache Tonfolge überaus kompliziert und polyphonisch würde: wir würden mit uns selbst nicht mehr nur Duo singen, sondern bald in allen Tönen gleichzeitig klingen. Das ruft eine Art Überforderung, fast ein körperliches Missempfinden hervor. Daher wählen wir instinktiv einen Ton, der uns irgendwie entspricht und gefällt oder höchstens einen Dreiklang, was völlig ausreicht.

Dass tatsächlich jeder Mensch „seinen“ Ton hat, merkte ich als ich einmal meinen Kopf in einen Millionen Jahre alten ungefähr 1,50 m hohen Klangstein steckte. Die Öffnung im Stein ließ einen Kopf bequem ein. Der Stein fing an zu klingen, wenn eine Person (lat.=per-sonare, durch klingen) „ihren“ Ton getroffen hatte.

Matroschkapuppen

Matroschkapuppen

Ton oder Klang sind ein starker Strang einer Nabelschnur, die uns ganz unmittelbar mit einer unzeitlichen Dimension verbindet. Seine bildliche Entsprechung findet dies bei den Matroschkapuppen, die man irgendwann auch nicht mehr sehen kann, wenn man sie auch noch weiter schnitzen könnte (wenn man sie nur sähe) – gleich einem unendlichen Ton, den man mit dem äußeren Ohr auch irgendwann nicht mehr hören kann.

So ist die Bronzetür der Bartholomäuskapelle der Eingang zu einer tonalen Dimension der Unendlichkeit. Gleichzeitig lässt sie und wissen, dass wir, wenn unsere scheinbar so „feste“ Menschensubstanz, sogar unsere Knochen, durch einen einzigen leise gesungenen oder gesprochenen Ton zu schwingen anfangen,  aus einem feineren Ton gemacht sein müssen.

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Eine Antwort zu “Totensonntag (Tagebuchausriss)”

  1. Magnus Göller sagt:

    Ergreifend, liebe Friederike!

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