ÜBUNGSallergie oder mein Frühwarnsystem spielt verrückt

Seit dieser Ankündigung am 19. Januar in meiner Tageszeitung hatte ich keine gute Zeit mehr: Ich wurde nervös, fahrig, Albträume plagten mich zunehmend des Nachts, manchmal zuckte ich auch tagsüber scheinbar unmotiviert zusammen. Ich igelte mich stark ein und begann, Fenster und Türen mit Materialien, die ich eigens im Baumarkt besorgte, abzudichten. Ich hatte vermehrt Schweißausbrüche, begann zu lispeln und zu nuscheln, dann zu stottern; die kleinste Belastung brachte mich aus der Fassung, ich ging nicht mehr ans Telefon, nicht mehr aus dem Haus, versuchte Vorräte einzulagern; Freunde und Angehörige begannen, sich um mich Sorgen zu machen; das Problem: Ich konnte mich ihnen nicht mitteilen, denn ich wollte sie nicht mit meinen Befürchtungen belasten:

So war ich völlig auf mich gestellt und begann, unter den seelischen Strapazen zu zerbrechen: Über beinahe zehn Tage verwandelte ich mich zusehends in ein Nervenbündel, ein körperliches und seelisches Wrack.

Am Schlimmsten war es dann am 27. Januar: Ich hatte mir morgens schon um 5:30 den Wecker gestellt, denn ich wollte nichts verpassen. Für diesen Tag hatte ich beschlossen, alle Fenster und Türen geschlossen zu halten und auch bei Klingeln an der Haustüre standhaft zu bleiben: Ich wollte mich ganz auf die Nachrichten konzentrieren. Das Radio hielt ich daher ständig angestellt, um auf jeden Fall beim kleinsten Hinweis reagieren zu können. Über Stunden –  nichts. Jedenfalls schien es so. Gegen Mitternacht fiel ich völlig erschöpft und ausgelaugt von der stundenlangen Anspannung, noch im Trainingsanzug, ins Bett.

Doch welch ein Schreck am nächsten Morgen, als der Zusteller die neue Tageszeitung in den Briefschlitz gleiten ließ: Gleich auf der ersten Seite – ein Feuerball über dem Flughafen Köln/Bonn. Das befürchtete Ereignis hatte also doch noch stattgefunden. Ich wusste es ja! Ich hatte es geahnt!

27.1.2010:Terroranschlag am Köln/Bonner Flughafen; Ausriss aus dem Bonner GA

27.1.2010:Terroranschlag am Köln/Bonner Flughafen; Ausriss aus dem Bonner GA

Am 19. Januar hatte ich nämlich in der Zeitung die Ankündigung eines terroristischen Anschlags gelesen:

„Düsseldorf. Der Umgang mit Terroranschlägen steht am 27. Januar im Mittelpunkt einer groß angelegten Übung mit 2500 Einsatzkräften in NRW. In Köln, Dormagen, Gummersbach und Lemgo werde mit Feuerwehr, Hilfs- und Rettungsdiensten sowie der Polizei geübt, teilte das Innenministerium gestern mit. Alle vier Probeläufe finden in einem realistischen Umfeld statt: So wird in Köln die Rettung am Flughafen nach Detonation einer ‚schmutzigen Bombe’ geprobt.“ dpa

Was hier angekündigt wurde, waren nicht weniger als 4 (in Worten: vier!) terroristische Anschläge, wenn auch zur Probe. Was mich jedoch noch besonders beunruhigte, ja alarmierte, war die Androhung einer „schmutzigen Bombe“ – immerhin ein langjähriges Projekt des Bundesinnenministeriums.

Ich bin eine äußerst sensible und empfindliche Natur, und so konnte ich mich natürlich sofort an die Drohung des damaligen Innenministers Schäuble vom 28.Januar 2006 erinnern: „Schäuble erwartet schmutzige Bombe.“

Nun sollte sie also fast auf den Tag genau 4 Jahre später Wirklichkeit werden! Die bange, jahrelange, zermürbende Wartezeit war mir ohnehin schon schwer genug gefallen! Und nun jetzt also einen schmutzige Bombe auf meinem Lieblingsflughafen Köln/Bonn!

Aber noch was anderes kam dazu. Das Stichwort „groß angelegte ÜBUNG“!
Ich frage mich, wieso nicht noch mehr Leute Angst vor dieser schmutzigen Bomben-ÜBUNG hatten. Bin ich denn da wirklich die einzige? Jedenfalls vermutlich die einzige, die eifrig Buch führt. Denn über dieses Gruselthema führe ich sozusagen eine Krankenakte. Sie quillt mittlerweile über vor Zeitungsartikeln, die ich immer mit einem dicken, roten Filzstift bearbeite, unterstreiche und eigenhändig kommentiere.

Der Grund meines Quasi-Nervenzusammenbruchs lag sicherlich auch in einem gewissermaßen potenzierten, um nicht zu sagen prolongierten Dejá-vu. Wenn ich auf meiner schwarzen Couch liege, oder auch sonst in allen Lebenslagen, ist das Schlüsselwort bzw. der Trigger für meine Zustände das Codewort „ÜBUNG“.

Und jetzt blättere ich mal ein wenig in meiner Krankenakte mit den Zeitungsausschnitten: Sie erinnern sich an den „Amoklauf“ von Winnenden vom März 2009? Danke. Ich auch.
Unwahrscheinlicherweise fand genau zur gleichen Zeit eine ÜBUNG von Hunderten von Spezialeinheiten der Polizei (SEK) ganz in der Nähe, sozusagen um die Ecke herum, statt, die für den bevorstehenden NATO-Gipfel in Stuttgart ÜBten. Diese etwa 1000 Polizisten waren für den Einsatz am fühen Morgen geradezu prädestiniert.

Das war alles sehr verwirrend damals. Die Situation wurde auch nicht leichter durch die Ankündigung: „Es wird einen nächsten Amoklauf geben“ von einem SPD-Politikern am 23. November 2009.

Aber der Reihe nach: Sie erinnern sich noch an den 11. September? Danke. Ich auch. Und da fing es mit den ÜBUNGen an. Yes madame! Genau am Morgen jenes so schicksalsschweren Tages fand eine ÜBUNG mit Militärmaschinen der US-Air-Force statt, die sich als entführte Linienflugzeuge auszugeben hatten. Gleichzeitig gab es ja nun zufällig diese tatsächlich „entführten“ Maschinen, die sich aber eben nicht auf ÜBUNGsflügen befanden, so schien doch klar. Who was who? fragte ich mich damals schon besorgt. Da besteht doch die Gefahr, dass man da was durcheinanderkriegt, den roten Faden verliert und die Luftabwehr sich vertüttelt zwischen wirklicher und unwirklicher Welt, also der virtuellen und der rituellen, und genau das scheint ja auch am Himmel bzw. am Boden passiert zu sein.

Und seither bin ich auf  ÜBUNGen in jeder Form allergisch, abolut: Egal ob mit oder ohne Flugzeuge, am Boden mit oder ohne Panzer, mit oder ohne Spezialeinheiten oder im, um, am oder unter Wasser, mit oder ohne schmutzige Bomben, ja sogar mit sauberen Bomben: Ich kriege rote Pusteln im Gesicht und fange an zu zittern. Ich habe eine Totalallergie: Bei der Ankündigung von ÜBUNGs-Simultationen und Simulierungen schnellen meine ÜBUNGs-Allergie-Titerwerte in schwindelnde Höhen (in echt! Und Echtzeit! Und wirklich!) und setzten mein Frühwarnsystem außer Kraft bzw. lassen mein Immunsystem verrückt spielen und zwar so, dass es auto-destruktiv wird, leider! Sozusagen also selbstzerstörerisch-auto-aggressiv.

Erinnern Sie sich an den Anschlag auf die Londoner Untergrundbahn vom 7.7.2004? Danke. Ich auch. Und was war da? Genau! Eine ÜBUNG! Und zwar führte diese Sicherheitsfirma mit 1000 Mann zeitgleich eine ÜBUNG dafür oder dagegen durch, dass die Londoner Metro von Bombenschlägen erschüttert würde, was ja dann auch zeitgleich geschah, also wieder eine Simultation bzw. Simulation. Hab auch mal gelesen, dass man das die Duplizität der Verhältnisse nennt.

Sie können sich denken, dass das natürlich 2005 ein Volltreffer für mich war, ich meine damit meine AnschlagsÜBUNGsallergie, denn ich erlitt leider ein komplettes Rezidiv.

Was mir dann der Schäuble 2006 mit der Ankündigung einer schmutzigen Bombe angetan hat, das kann der gar nicht ermessen: „Die Frage ist nicht ob, sondern nur wann!“

Nächtelang hab ich aufrecht im Bett gesessen und zwar mit roten Pusteln am ganzen Körper, sogar auf der Zunge! Auch, dass ich meine Arbeit verlor, ist der schuld: Meine nervösen Zuckungen und diese ständige vergebliche Warterei auf das Unvermeidliche haben mich ruiniert und die Lust am Leben und an meiner Arbeit verlieren lassen, sodass ich bereits ein halbes Jahr später Hartz IV beantragen musste! Ich bin um Jahre gealtert! Wenigsten hat er ja seine Strafe schon weg, wenn auch nicht simultan, sondern sozusagen zeitlich phasenverschoben.

Dieser jüngste feige Terroranschlag auf meine Nerven am Köln/Bonner Flughafen bedeutete jedenfalls das endgültige Aus für mein zartbesaitetes Nervekostüm und meine delikate geistig-seelische Balance: Ich erlitt, noch den GeneralÜBUNGs-Anzeiger in den Händen haltend, einen Anschlag, äh Anfall: Und zwar ÜBte ich den auf die erste Seite der Tageszeitung aus. Seitdem geht’s mit besser. Meine Allergie hat sich erstmals nicht eingestellt. Es hat gut getan! Leute, Leute! Ich bin zwar noch etwas schweißgebadet und zittrig aber zum ersten Mal hab ich wieder Lust nach draußen zu gehen. Und das ist doch schon was!
Wenigstens bis zur nächsten ÜBUNG

Befreiungsschlag: Seitdem geht's mit besser!

Befreiungsschlag: Seitdem geht's mit besser!


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11 Antworten zu “ÜBUNGSallergie oder mein Frühwarnsystem spielt verrückt”

  1. Föhnix sagt:

    Danke!! Danke!! Ich dachte in den letzten zwei Wochen auch schon, ich sei der einige, der darauf wartet, dass uns der Himmel auf den Kopf fällt.

    Nach der dramaturgisch perfekten Angst-Einstimmung durch Unterhosen- und Laptop-Bomber hatte ich mit so auf ein schönes Feuerwerk gefreut. Aber auf diese Al CIAda ist einfach kein Verlass mehr. Kein Wunder, wo ihr Chef (oder dessen Geist) soeben vom Islam zur Klimareligion konvertiert hat. Gibt es denn keine gescheiten Bösewichte mehr?

  2. madmax sagt:

    naja, der unterschied ist aber das die übungen der echten anschläge vorher nicht bekannt waren.
    jedenfalls weiss ich nichts davon…

  3. Friederike Beck sagt:

    Stimmt, aber ändert in der Realität wenig – es gibt halt Übungen mit Anschlägen, die angekündigt werden oder auch nicht und Anschläge mit Übungen, die nicht angekündigt werden oder eben doch. :)))

  4. DerVorleser sagt:

    herzlichen Glückwunsch. Ihr seid den Drahtziehern solcher False-Flag Anschläge voll auf dem leim gegangen. Ihr sitzt zuhause und euch schlottern die Knie, sobald eine Übung angekündigt wird.
    Definition Terror:
    [...] ist die systematische und oftmals willkürlich erscheinende Verbreitung von Angst und Schrecken durch ausgeübte oder angedrohte Gewalt.

    Trifft ja zu 100% auf euch zu.
    Ihr macht genau das falsche. Ihr sollt euer Leben geniessen, Spaß haben, die schönen Seiten des Lebens mehr schätzen und weniger Angst haben.
    Klärt freunde und verwandte auf, aber nicht mit Panikmache, sondern mit leicht verständlichen, historisch belegbaren Sachen.

  5. Friederike Beck sagt:

    Eine Satire ist eine Satire – sie soll befreiend sein, denn lachen ist immer die beste Medizin. Daher will ich den Kommentar von donaldduck nicht weiter kommentieren, sondern antworten mit einem Satz von Dr. Daniele Ganser, Universität Basel, Schweiz aus der DVD “Die dunkle Seite des Westens, verdeckte Terroraktivitäten der NATO, Kai Komilius Verlag: “Wir dürfen uns von Terror nicht mehr beeinflussen lassen!”
    Diesem Satz, den ich mir aufschrieb, ist nichts hinzuzufügen; allenfalls könnte angemerkt werden, wir sollten doch mit äußerster Sensibilität jene Politiker beobachten, welche immer wieder auf den (angeblichen) Terror reagieren, indem sie z. B. bürgerliche Freiheiten einschränken, immer groteskere Überwachungsmethoden der Bürger vorschlagen und damit Terroristen zuarbeiten. Grüße!

  6. ebm_bln sagt:

    Alles richtig und wichtig – bis auf das:

    “….meine ÜBUNGs-Allergie-Titterwerte…” ???

    Greetz ;-)

    Ansonsten steht alles im 5.Kommentar… dito…

  7. Föhnix sagt:

    Ist hier irgendwo Panikmache zu finden? Ich kann solche nur überall in den Mainstream-Medien finden. Hier finde ich nur Satire und die finde außerdem lebensnotwendig in solchen super-schönen Zeiten. Jetzt muss ich aber los, gerade kommt mein Hubschrauber, der mich in mein Wolkenkuckucksheim fliegt. Hosianna…

  8. Friederike Beck sagt:

    Wau, das ist mir jetzt aber echt peinlich: Noch dazu hab ich mich da irgendwie unterbewusst als Frau geoutet. Das darf nicht sein! Werd umgehend Hand anlegen und streichen, was da nicht hingehört. Danke.

  9. Magnus Göller sagt:

    Dieser ergreifende Text hat mir endgültig die Augen geöffnet.

    Ab morgen früh sechs Uhr wird an allen Fronten zurückgeübt.

  10. Martin sagt:

    Draußen liefe gerade just in diesem Moment ein Eichhörnchen lang!

    Tiere spüren, wenn eine Gefahr droht – dennoch sind sie besser dran, da sie nur reagieren und nicht nachdenken müssen was alles passieren könnte!

    Wir Menschen können/konnten das auch…

    Eskalation wird im Fernseh eingesetzt damit man Teil 2 guckt oder die Reality-Sendung beim nächsten Mal noch krasser wird…

    Auf Dauer wird der 9/11 Fall verblassen…

    Es liegt Nahe, dass es in Zukunft Ereignisse gibt, die das zu “toppen” versuchen… wie und auf welche Art auch immer und gleichgültig welchen Ursprungs…

    Die Frage, die ich mir Stelle: Wann hat der Mensch endlich das maximale Maß an Grausamkeiten erreicht und lernt daraus, dass diese schlußendlich auch zu keiner befriedigend (Er)Lösung führen?

  11. Hartmann sagt:

    äm.. Guter Text,

    nur einige Kommentatoren haben die Simultanereignisse wohl nicht auf dem Schirm.

    ->11.9.2001 Mindestens 5 Übungen die sowas beinhalteteten was dann auch passierte.

    London, Madrid und Oslo war das selbe…

    Immer Übung und Booooooom, upps echte Bomben, Terroranschläge.

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