Köln: Flutung wegen Hochwasser

Wer dieser Tage am Rhein entlang spaziert, kann es, wie jedes Jahr um diese Zeit, beobachten:  Fast stündlich sieht man das Wasser steigen und reißender werden, man kann dem Fluss fast beim Anschwellen zusehen, eine hellbraune Flut brodelt vorbei und steht kurz davor, die Uferpromenaden zu erreichen, eine unübersehbare Menge von Plastikmüll mit sich führend: Schneeschmelze, Regen…

„Aktuell haben wir einen Grundwasserstand von 37,9 Metern. Bei 39,5 Metern wollen wir fluten.“ (GA Bonn v. 26.2.2010). Gemeint ist die U-Bahn-Großbaustelle in der Kölner Altstadt. Morgen, am Samstag, wird es dann soweit sein, bei einem Pegelstand von 6,50 Metern.

U-Bahnfahren ist doof: Langweilig, denn man sieht nichts, umständlich, denn man muss erst alles mühsam nach unten und dann wieder nach oben schleppen, wenn nicht Einkaufstaschen, dann wenigstens sich selbst, und es ist gefährlich und vor allem spät abends und nachts unheimlich. Im Zweifelsfall kommt einem trotz Überwachungskameras niemand zu Hilfe.

Köln liegt am Rhein, besonders die Altstadt, wo wenigstens einige alte, schöne Gebäude den 2. Weltkrieg überstanden haben und dem Auge Anhaltspunkt und Erleichterung verschaffen. Die Altstadt steht auf einem über tausendjährigen archäologisch bedeutsamen Untergrund, aber es ist Flussuntergrund, Kies, Sand und Grundwasser.

Die Kölne Nord-Süd Trasse der U-Bahn: Parallel zum Rhein; Quelle: wikimedia commons

Die Kölne Nord-Süd Trasse der U-Bahn: Parallel zum Rhein; Quelle: wikimedia commons

U-Bahn-Tunnel sind millionen- bzw. milliardenschwere Prestigeunternehmungen im Geiste der 1960er Jahre, als man, stolz auf’s Auto, freie Fahrt für freie Bürger forderte und die Straßenbahnen gefälligst von der Bildfläche zu verschwinden hatten.

U-Bahnen sind nicht mehr zeitgemäß, sie lassen sich nicht an aktuelle Verkehrsbedürfnisse anpassen, und es gab und gibt immer wieder spektakuläre und schwere Unfälle bei ihrem Bau. U-Bahnen kosten im Schnitt 10 mal mehr als eine normale, oberirdische Straßenbahn.

Vermutlich erfreuen sie sich gerade deshalb bei den verantwortlichen Politikern und den beauftragten Bauunternehmen so anhaltender Beliebtheit.

Die Würfel für die Nord-Süd-Katastrophen-Trasse fielen in Köln 1996 durch ein „unabhängiges“ Gutachten der Firma Schüßler-Plan, dem der Kölner Stadtrat folgte und die Firma dann später auch mit der Bauoberleitung beauftragte. Die Firma war Spezialistin für Tunnelbau und erachtete andere Lösungen als nicht  zuträglich.

Die ursprünglich veranschlagten Kosten von 500 Millionen Euro sind mittlerweile bei 1,3 Milliarden angekommen, aber das ist nur ein Zwischenstadium, betrachtet man die Aktualität.

Das Nord-Süd-Stück parallel zum Rhein brauchte eigentlich niemand so wirklich, es versprach lediglich einen Zeitgewinn von wenigen Minuten, es gab ja schon andere Stadtbahnen und Busse. Fünf bis sechs Minuten für 1,3 Milliarden Euro. Oder auch 3,6 Kilometer für 1,3 Milliarden.

Baubeginn war 2004 und schon im Herbst desselben Jahres neigte sich der Turm der tausendjährigen Kirche Sankt-Johann-Baptist im Severinsviertel (948 erbaut) und drohte einzustürzen. Die Notmaßnahmen zu seiner Stabilisierung kosteten 1 Million Euro.

Der altehrwürdige Kirche liegt nur 150 Meter vom Archiv der Stadt, das, wie mittlerweile jedermann weiß, das Gedächtnis Kölns und des Rheinlandes ist; hier zeigten sich schon 2008 Risse, die aber eigentlich so richtig niemanden interessierten.

Am 3.3.2009 dann hörten die Menschen ein dumpfes Grollen, rannten nach draußen; das Haus des Historischen Stadtarchivs und zwei weitere Häuser stürzten binnen Sekunden ein. Die Straße war auf einer Länge von 70 Metern zerstört.

„Ich sah, wie die Risse in dem Haus immer höher kletterten“, sagte eine Augenzeugin dem Fernsehsender n-tv, „die Fassade begann zu bröckeln und dann fiel alles ganz langsam in sich zusammen. Wie in einem Film.“

In ein metertiefes Loch fallen mit den Häusern auch zwei Menschen und
•    65.000 Urkunden ab dem Jahr 922,
•    26 Regalkilometer Akten,
•    104.000 Karten und Pläne und 50.000 Plakate sowie
•    818 Nachlässe und Sammlungen.

Das Baukonsortium Bilfinger-Berger besteht aus 3 Unternehmen: der Wayss & Freitag AG, der Royal BAM Group und der Züblin AG. Mit der U-Bahnbau wurden aber auch verschiedenste Subunternehmen beauftragt, eine übliche Methode um Kosten zu senken, Rendite zu erhöhen. Die Oberleitung des Gesamtbaus erhielt die Firma Schüßler-Plan, die gleich Firma, die 1996 auch das entscheidende unabhängige Gutachten erstellt hatte.

„…bis zu 83 Prozent der vorgesehenen Stahlbügel in den stabilisierenden Schlitzwänden fehlen…Versagen des gesamten Systems der Bauüberwachung…“ (GA Bonn v. 18.2.2010) …Arbeiter sollen die Eisenbügel an Schrotthändler verkauft haben…schon falsche Vermessungsprotokolle für 28 sogenannte Schlitzwände in den Baugruben entdeckt…“ (GA Bonn v. 16.2.2010) … „dass bei diesem Bau Menschen mit einer kriminellen Energie am Werk waren, wie es sich Kahlen [Stadtdirektor] in seinen kühnsten Träumen nicht hätte vorstellen können…Immerhin kann er am Tag nach dem Rosenmontagszug Entwarnung geben; die Prognosen, dass die Standfestigkeit überall gewährleistet  sein würde, wurden eingehalten.“ (GA Bonn 17.2.2010) Der Rosenmontagszug in Köln stürzte also – nicht — in die Baugrube. „Mal fehlen wichtige Metallverankerungen in den Schlitzwänden, dann gossen  die Bauarbeiter zu wenig Beton in die Sicherungbauwerke; die entsprechenden Protokolle – das bestätigte eine mit den Vorgängen vertrauter Person dem GA – wurden offenbar gefälscht.“ (s.o.)

Der Regierungspräsident gibt die Bauaufsicht bei Baubeginn an die Stadt Köln, diese gibt sie an ihre Tochter, die Kölner Verkehrsbetriebe (KVB), diese gibt sie – privat vor Staat – an Schüßler-Plan, eine Subunternehmerin von Bilfinger Berger.

Im Jahr 2000 „verschlankt“ die Stadt Köln ihre Verwaltung. Das Tiefbauamt wird praktisch aufgelöst, für das Dezernates für Stadtentwässerung, Brücken und Stadtbahnbau ging die Bauaufsicht von der Stadt an die KVB über. Verantwortung wird neoliberal augesourced, uotgesorced, outgesurced.

„Bela Dören. Der war bis vor einigen Jahren Dezernent in der Domstadt, zuständig für den Tiefbau. Sein Amt hatte mehr als 100 Mitarbeiter, dann wurde sein Job ersatzlos gestrichen. ‚Hätte die Stadt das Amt nicht aufgelöst, wären wir täglich mit mehreren Leuten vor Ort gewesen. Und auf die Frage, ob das mit einem funktionierenden Tiefbauamt auch passiert wäre, fügt er hinzu: ‚Ein klares Nein.’

Dann erzählt er noch, dass der Prüfingenieur aus München kommt und nur deshalb so selten vor Ort sei, weil man ihn über Gebühr im Preis gedrückt habe.’“ (s. o)

Der unterspülte Grund, Wassereinbrüche, Risse, bröckelnde Fassaden – sind wir noch in der Lage Warnzeichen wahrzunehmen?

Nicht, wenn wir weiter meinen, dass so etwas nur andere anginge. „Die komplette Restaurierung der Archivbestände wird nach einer Schätzung der Stadt Köln 300 bis 500 Millionen Euro kosten.“ (GA Bonn, 26.2.20109).

Wenn Köln demnächst dann keinen Kassenkredit mehr erhalten wird und keinen eigenen Haushalt mehr aufstellen darf und die Stadt vor unseren Augen verfällt, immer mehr Schlaglöcher in den Straßen ungeteert bleiben, Schulen, Theater, Schwimmbäder schließen, wird es vielleicht einigen dämmern, dass es ja die ganze Zeit „wir“ waren, die solche Projekte bezahlen mussten.

Hätten sich 1996 mehr Bürger für ihr Gemeinwesen interessiert und nicht geglaubt, dass „die da“ schon alles recht machen und wissen, wäre es nicht so weit gekommen, nicht nur in Köln. Wir sollten schnellstens begreifen, das „die da oben, oder wo immer“ es nicht wissen und es auch niemandem recht machen, außer sich selbst. Denn es fehlt ihnen schon lange an etwas Wichtigem: Daran, dass sie ihre Stadt lieben. Sonst würden sie ihr nicht so etwas antun.

— Anzeigen —



Tags: , , , ,

3 Antworten zu “Köln: Flutung wegen Hochwasser”

  1. Johann Ratzenböck sagt:

    Den Bürgern von Köln jetzt die Schuld für dieses Desaster zuzuschieben, erscheint mir mehr als primitiv. Wie sollte der Bürger dem kriminellen Treiben von Arbeitern, Bauaufsichten ….Politikern…. in einem derart groß angelegten Stil Einhalt gebieten? Sollen die Kölner rund um die Uhr all die Verbrecher auf und um die Baustelle überwachen? Und wie? Warum ist man nicht schon nach Einsturz des Archives hellhörig geworden, dass hier beim Bau schwer geschlampt und betrogen wird?? Warum stört es niemanden, wenn die KVB die Bauaufsicht an ein Subunternehmen von Bilfinger vergibt? Wo bleibt die Verantwortungspflicht der kölner Politik? Aber das ist typisch! Den kleinen Bürger für die Behörden “durchsichtig” machen und bei den Großen – wenn sie auch noch so schlampig und kriminell vorgehen – beide Augen verschließen.
    Straßenbahnen sind in großen Städten – besonders auf weiteren Strecken – sicher kein geeignetes Verkehrsmittel. Platzbedarf und bereits in allen diesen Städten verstopfte Straßen, wo bleibt da der Sinn?

  2. Friederike Beck sagt:

    zu 1956: Hinter all Ihre Sätze kann man sicherlich einen grünen Haken machen, bis auf den ersten: Ich habe nirgends von “Schuld” gesprochen. Es geht mir mehr um eine weit verbreitete Haltung der Passivität, die ja in Deutschland historisch bedingt eine besondere Ausprägung gefunden hat. Haben Sie vielleicht nach dem Einsturz des Archivs irgendwo von einer Demo gehört, sagen wir mal von 20 Leuten? Ich nicht.Es braucht nämlich gar nicht riesige Menschenaufläufe. Nur sagen wir 50 Kölner, die 1996 gesagt hätten: “Wolle mer nit, brauche mer nit, fott damit!” Natürlich ist in Deutschland direkte Demokratie und direktes Bürgerengagement unterentwickelt. Das ist z. B. in der Schweiz viel besser: Da lässt sich ein Dorf für ein neues Feuwehrhaus ein Projekt mit Kostenkalkulation machen. Das geht dann zur Abstimmung u. wenn man findet, es ist zu teuer, dann weg damit.
    Natürlich gibt’ s paar Beispiele, wo eine U-Bahn sinnvoll war bzw. wäre. Sicher nicht jedoch bei der Kölner Nord/Süd-Trasse. Ich bleibe dabei: Wir kommen nicht darum herum, unser kommunales Engagement zu erhöhen u. zwar sehr schnell. Die Alternative: Bankrott der Städte. Ich sage nur ein Stichwort: WCCB Bonn. Bonn ist pleite, auch wenn’s durch Rechentricks noch verschleiert wird.

  3. Birgit Dünkler sagt:

    Kleine Anekdote dazu: Ich sitze in der Christuskirche, wo OB Roters sich den Fragen aufgebrachter Kölner Bürger stellt. Kirche war übervoll. Die Sprache kommt auf die verscherbelten Eisenträger. Sagt mein Banknachbar zu mir:
    “Wetten, daß diese Eisenträger garnicht erst angeliefert wurden.”
    Woher nehmen die Kölner noch das Vetrauen, die Ausreden dieser verlogenen Verwaltung zu glauben?

Eine Antwort hinterlassen