Winnenden: Kein Licht ins Dunkel

Gestern am 1. Jahrestag des Schulmassakers an der Albertville-Realschule in Winnenden geriet in der Medienberichterstattung völlig aus dem Blickfeld, dass zentrale Fakten nach der angeblichen Tat des Tim K. noch überhaupt nicht geklärt sind. So etwa die Tatsache, dass während des „Amoklaufs“ kein Schüler Tim K. erkannt bzw. identifiziert hatte.

Was gestern an diesem traurigen Jahrestag in den Medien „berichtet“ wurde, hatte daher auch nichts mit Fakten oder erkennbarer Anstrengung irgendeiner Recherche zu tun, für die man ja bereits ein Jahr Zeit hatte.

Stattdessen betätigten sich Zeitungen und Fernsehen als Hobby-Psychologen oder gar -Psychiater und das, ohne den „Patienten“ überhaupt gekannt zu haben. So als enthöbe sie ein traumatisches Ereignis der Pflicht, sich an Fakten zu halten. Gerade eine pietätvolle Haltung den Opfer-Angehörigen gegenüber würde das gebieten.

So muss man im GA Bonn v. 12.3. von Holger Möhle, Berlin unter dem Titel „Jenseits aller Grenzen“ lesen: „Warum? Ein Jahr nach dem Amoklauf eines 17-Jährigen im schwäbischen Winnenden ist die Frage genauso aktuell und berechtigt wie am ersten Tag seiner Tat. Die Antwort muss unbefriedigend bleiben, weil es nicht in jedem Dunkel ein Licht gibt, das das Unerklärbare ausleuchten könnte.“

Möhle hat buchstäblich nur eine Frage, auf die der Journalist prompt keine Antwort findet. Offensichtlich hat er sich nicht die Mühe gemacht, zeitnah die ersten Medienberichte und vielen Blog- und Twitterbeiträge zu lesen und zu vergleichen, die es unmittelbar nach der Tat und noch lange danach gab. Denn dann hätte er nicht nur eine Fragen sondern gleich Dutzende gehabt.

Stattdessen murmelt er dunkel vom „Dunkel“, in dem es kein Licht gebe, das das „Unerklärbare“ ausleuchten könnte. Noch mehr solche Journalisten und bei uns gehen demnächst völlig die Lichter der Berichterstattung aus.

Als nächstes erwähnt Möhle nebenbei, dass unter den Opfern auch ein Gärtner war. Das ist ja völlig neu! Bisher hatte man abgesehen von den Schülern nur von einem Opfer in einer Klinik und in einem Autohaus gehört.

Und dann geht es mit psychiatrisch-psychologischem Unterton weiter:
„Ein junger Mann als sein eigener finaler Richter. Aber vorher hat er der Welt draußen noch gezeigt, dass seine Welt drinnen ins Chaos, in Aussichtslosigkeit, in Hass abgeglitten ist. […] Das Leben ist komplex, die Abgründe der menschlichen Seele sind manchmal allzu tief. Die Antwort darauf könnten Buchseiten und Experten-Dossiers füllen.“

Und jetzt kennt er Tim K. plötzlich ganz genau:
Tim K. hat einen Teil seiner Jugend-Jahre vor dem Computer verbracht. Er ist dort eingetaucht ins Internet. Eine virtuelle Welt, die ungeahnte Möglichkeiten – auch zur Flucht – bietet. Ein ideales Versteck vor dem Rest der Welt, vor der Wirklichkeit. Wer sucht, kann dort wunderbar ausprobieren, auch Gewalt in seiner [Grammatik!] perfidesten Form. […] Tim K. zählte zu jener Generation, die Medienforscher heute gerne als digitale Ureinwohner beschreiben. Ihr Zuhause ist das weltweite Netz. Man hat so viele Kontakte, anonyme, unverbindliche, und bleibt häufig doch mit seinen Fragen und Ängsten allein. Tim K. suchte im Internet auch nach sich selbst. Er erzählte den Eltern von seinem Verdacht einer bipolaren Störung [!] mit ihren Gegenpolen Manie und Depression.“

Woher weiß Herr Möhle das? Hat er beim Surfen oder gar bei Eltern-Sohn-Gesprächen daneben gesessen?

Mir tun alle Opfer leid, aber auch die Eltern des angeblichen Täters. Werden sie jemals die Chance haben, ihre Version inmitten dieses inzwischen meterhohen Wustes an schreibselnder Pseudo-Berichterstattung zu Gehör zu bringen?

Neulich sah ich die ausgezeichnete Filmdokumentation eines öffentlichen Vortrags von Andreas Hauss von Nuoviso TV über Ungereimtheiten des Massakers von Winnenden. Wer Interesse an kriminalistischer Recherche und sauberem Journalismus hat, dem sei diese Dokumentation empfohlen!

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11 Antworten zu “Winnenden: Kein Licht ins Dunkel”

  1. Ich habe mir das verlinkte NuoViso-Video von Andreas Hauss gerade angeschaut und mich mal wieder sehr gewundert.
    Der Mann ist offenischtlich kein Idiot, der sich nur persönlich wichtig machen will.
    Ich frage mich nur, wozu das Ganze inszeniert worden sein sollte, und wenn, weshalb doch sehr viele zunächst sehr wahrscheinlich Unbeteiligte dieses decken.
    Brauchen wir jetzt schon Amokläufe, um die Bevölkerung in bzw. außer Atem zu halten, weil die Typen von Al Kaida nichts geregelt bekommen?
    Die Vorstellung ist erschrecklich.
    Danke für den Hinweis.

  2. Friederike Beck sagt:

    Deine oben gestellte Frage ist natürlich der springende Punkt. Ansätze zu Antworten habe ich schon früher hier geliefert. Zwei Stichworte wären sicherlich die komplette Entwaffnung der Bevölkerung sowei eine immer stärkere Reglementierung des Internets mit der Begründung: Zu viel Gewalt: Löst Amokläufe aus. Das alles enthebt uns aber nicht der Frage, was da mit Teilen der Polizei und Spezialeinsatzkommandos passiert ist. Denn die örtliche Polizei hatte in Winnenden damit nichts zu tun. Dieser Frage nachzugehen, bedeutet, in den eigentlichen Abgrund zu schauen.

  3. Föhnix sagt:

    “Zwei Stichworte … komplette Entwaffnung … Reglementierung des Internets”

    Ein ganz wesentlicher Punkt kommt noch dazu: ANGST.

    Eine verängstigte Bevölkerung lässt sich leichter manipulieren, von Heuschrecken aussaugen, mit Lügen abspeisen, in den Krieg schicken etc. etc.

    (Siehe auch Georgien, wo der CIA-Mann Saakaschwili gerade einen neue Taktik zum Erzeugen von Angst ausprobiert hat: http://www.zeit.de/newsticker/2010/3/13/iptc-hfk-20100313-104-24207272xml)

  4. Liebe Friederike,

    Du bringst hier mit dem Thema Entwaffnung und Netz zwei also gewichtige wie nachvollziehbare Aspekte zur Sprache, die mich aber doch nicht so ganz überzeugen.

    Zum Ersten ist der Bewaffnungsgrad in Deutschland wohl nicht annähernd vergleichbar mit jenem in den USA, so dass eine eventuelle Diktatur von daher wohl nicht allzuviel zu befürchten hätte; zum Zweiten ist ja ein Internet ohne Gewaltdarstellungen kaum denkbar.

    Ich meine also, ohne Dir am Zeug flicken zu wollen, dass wir in diesem Zusammenhang nach wenigstens noch einem gewichtigeren Grunde fahnden müssen…

    Kann aber durchaus sein, dass Du recht hast.

    Ich meine, mich teilweise wiederholend, dass man irgendwie, wenn schon die Schweinegrippe versagt hat und die Himalaya-Gletscher immer noch nicht abgeschmolzen sind, immer eine beliebige Angstmachersau durchs Dorf treiben meint zu müssen, um von den eigentlichen Problemen abzulenken.

    Klingt natürlich sehr verschwörungsdingsda, Du weißt schon, aber für mich, der sich inzwischen selber für eine Verschwörungstheorie hält, doch die beste Erklärung.

  5. Friederike Beck sagt:

    Thema Waffen: Nein, natürlich nicht vergleichbar mit dem der USA. Aber die Traditionsschützenvereine sind doch vor allem in ländlichen Regionen ganz schön präsent, und diesen könnte leicht Bürgerwehr-Funktion zufallen, wenn demnächst Kommunen Pleite gehen (was ja faktisch schon der Fall ist) und es Stockungen und Einschränkungen bei den Hartz-Auszahlungen gibt u. z. B. Menschen auf der Suche nach Nahrungsmitteln, Benzin herumstreifen… Ich will nicht sagen, dass es so ist, aber man muss so etwas im Hinterkopf behalten dürfen.
    Das Thema, was ich noch vergessen hatte, ist natürlich das leidige Thema “Sicherheit” und im Gefolge die “Sicherheitsindustrie”. Ein Riesenmarkt! Es ersteht bereits jetzt am Horizont ein Schulsystem mit Schulen als gefängnisartige Hochsicherheitsrakte, mit verrotteten Fensterrahmen und Wasserrohren aber mir Sicherheits-High-Tech, kameraüberwacht bis auf die Klos, mit Amok-Übungen einnmal im Monat, hystserisierten und neurotisierten Schülern und ebensolchen Lehrern. Da bleibt nur noch Home-Schooling, und das geht ja eben in Deutschland nicht… (so richtig).

  6. Sternengucker sagt:

    Amoklauf eines Tim K.?
    Schon damals habe ich mich das ernsthaft gefragt. Also bleibt bloß noch eine Inszenierung. Aber von wem? Und wozu?
    Cui bono? Lautet die Antwort! Und somit muß man Fr. Beck und Föhnix Recht geben. Ein Vergleich in punkto Bewaffnung mit Amerika ist dabei völlig unsinnig. Den Auftraggebern dieser Show ging es ja nicht um die pure Masse sondern um die prinzipielle Entwaffnung der Bevölkerung. Ganz gleich ob es 100 oder nur 3 Pistolen sind. Hauptsache, das für den Fall einer Meuterei des deutschen Volkes, kein bewaffneter Haufen vor der Tür steht. Dann könnte ja ein Aufstand womöglich sogar erfolgreich sein.
    Ich für meinen Teil glaube, daß die (wen vorhanden) Gedankengänge unserer Herrscher noch viel perfider sind. Ein wehrloses Volk ist doch noch viel ungefährlicher und somit auch viel leichter zu unterjochen und notfalls zu beseitigen.

  7. Christian K. sagt:

    Liebe Friederike,

    ich habe das Winnenden-Drama ebenso wie Erfurt verfolgt und habe meine eigenen Schlüsse daraus gezogen.
    Als Pädagoge sage ich: ein 17 bis 20 Jähriger Schüler/Auszubildender ist grundsätzlich psychisch nicht in der Lage wie ein Profikiller, oder sogar wie zwei !!!, durch Schulen zu rasen und durch Kopfschüsse in bester Scharfschützenmanier massenhaft Lehrer und Schüler zu erschießen.
    Dazu bedarf es einer professionellen Ausbildung zum Combatschützen, die in herkömmlichen Schützenvereinen nicht geboten wird.
    Selbst Combatschützen sind in der Regel nicht in der Lage solche Massaker zu veranstalten.

    Combatschießen gehört zur Spezialausbildung besonderer Einsatzkräfte der Polizei oder vergleichbarer Einheiten und sollte zur Selbstverteidigung dieser Einheiten bei entsprechenden Einsätzen dienen.

    Nach einem tödlichem Schuß wird der ausführende Beamte sofort aus dem Verkehr gezogen und unter psychische Betreuung gestellt, da dies normalerweise eine hohe seelische Belastung darstellt.

    Zwischen zehn bis ca. zwanzig Menschen allein oder zu zweit in einem befriedeten Areal wie einer Schule und innerhalb eines zeitlich begrenzten Rahmens hinzurichten verlangt eine besondere Spezies unserer Art.
    Die finden wir in unserem Land nur in der Mafia, den Geheimdiensten und dem Kommando Spezialkräfte in Afghanistan.
    Die Mafia können wir in diesem Fall vernachlässigen, es ergibt keinen Sinn.
    Auch das KSK kommt nicht in Frage. Laut Bundeswehrinterna sind diese Soldaten nach ihrem Einsatz nicht mehr in die regulären Streitkräfte zu integrieren, sie bilden allerdings ein Killerpotenzial, aus dem man rekrutieren kann.
    Es bleiben also nur noch die Geheimdienste in der engen Wahl !

    Bauen wir das Szenario auf.
    Von der politischen Ebene wird ein groß angelegtes polizeiliches Manöver angesetzt.
    Parallel dazu wird das geheimdienstliche Massaker mit den Profis vorbereitet.
    Die Kinder sind geladen mit irgendwelchen Versprechungen und sind begeistert.
    Dem Vater wird die Waffe geklaut.
    Den anderen werden massenhaft Waffen untergeschoben, Rucksäcke mit Unmengen Munition werden deponiert.
    Zwei Dummbiedel wie der Lehrer Heise und der Igor Wolf werden mit den zu erzählenden Aussagen präpariert.

    Los geht´s.
    Die Kinder sind bekannt, also werden sie auch erkannt, man schickt die Polizei in die Irre und auch zu Hausdurchsuchungen etc. Helfer dürfen die Schulen nicht betreten, man verblutet.
    Die wahren Täter werden abgezogen.

    Schüler und andere Zeugen, die anderes aussagen und von mehreren Tätern berichten fallen unter den Tisch.
    Der Rest ist bekannt: keine Obduktionen, es ist alles klar die benannten Kinder waren es !
    Alles unter die Erde.

    Noch ein Wort zu Herrn Andreas Hauß und seinem Vortrag.
    Herr Hauß ist nach seinen Kommentaren zur Haidersache in der Arbeiterfotografie mit Vorsicht zu genießen.
    Ich kannte Herrn Haider zu wenig um sein Anhänger oder Gegner zu sein. Als Deutscher sieht man das sowieso meist etwas anders.
    Aber politische Morde zu tolerieren und deren Aufklärung zu hintertreiben ist eine üble Angelegenheit.
    Und das versucht Herr Hauß ähnlich auch in dieser Sache. Er schiebt alle Schuld auf die Polizei.
    Die Polizei ist in diesem Fall ebenfalls mißbraucht worden.
    Mit höheren Polizeiführern ein solches Ding durchzuziehen ist so gut wie unmöglich !
    Also Vorsicht.
    Schaut Euch den Vortrag von Herrn Hauß nach diesen Gesichtspunkten noch einmal an.

    Ich freue mich auf die folgende Diskussion.

    Gruß Christian

  8. rn2099 sagt:

    Ds Problem ist nur, dass die Behauptungen der Verschwörungstheoretiker a la Hauß zum größten Teil falsch und Unfug sind.
    Wie kommt er nur auf die Idee, Tim K. sei von niemanden in der Schule identifiziert worden? Es gibt sogar mehrere TV-Beiträge, in denen Überlebende des Amoklaufs das Gesicht Tim K.s und seinen Gesichtsausdruck beschreiben (zuletzt bei Markus Lanz das Mädchen, dessen beste Freundin in ihren Armen starb).
    Die Sache mit dem Knalltrauma durch die Beretta ist ebenso Quatsch. Ich will nichts zu den Theorien sagen, die dahinterstecken, aber die Fakten (z.B. zu Uhrzeiten, etc), die Hauß & Co. präsentieren, sind einfach zum großen Teil falsch, schlicht und ergreifend. Das hat mit kriminalistischer Recherche oder gar Journalismus nichts zu tun.

  9. Christian K. sagt:

    Liebe Freunde,
    ich hatte ja schon mal meine eigene Theorie über die Hintergründe eines sogenannten Amoklaufs dargelegt.
    Hier nun noch perfekter von Ralph Kutza:
    http://www.ralph-kutza.de/Erfurt___5_Jahre_/erfurt___5_jahre_.html

  10. Linda sagt:

    http://www.der-fall-tim-k.de da gibt es ein Forum und eine Prozessberichterstattung von jedem Gerichtstag, danach sollte wirklich jedem ein Lichtlein aufgehen.

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