Sahnejoghurt – wie immer (Tagebuchausriss)

Ich habe alles vorgefunden, als wäre es gestern: Freude und Bedauern. Die Zeit muss ein Karussell gewesen sein mit einem Mittelpunkt, um den die Ereignisse glitten oder ritten oder war es vielleicht umgekehrt? Der Mittelpunkt kreiste um Dinge? Denn es gibt keinen erkennbaren Fortschritt, zumindest nicht linear. Scheinbarer Stillstand im Zentrum ängstigt mich, aber auch in der Peripherie.

Ich finde die rote Iris wieder, und es war gestern, ich finde ein neues, aufgegebenes Nest – leer, weil der Spalt zwischen Deckenbalken und Rollo zu schmal ist für irgend etwas Rundes, wie gehabt; die in einem offenen Betonkasten gefangen gehaltene Jagdhündin , die ca. viermal im Jahr zur Jagd herausgeholt wird, ist wie immer um diese Zeit mit Jungen niedergekommen – sie hat wieder aus ein paar Sägespänen versucht, ein Art Nest zu machen und ihre Jungen gesäugt, bis der Besitzer wie immer Ende der Woche zum Säubern des „Schweinestalles“ erschien und die Jungen gleich mit ausmistete. Seitdem hat die Hündin wie immer um diese Jahreszeit Fieber und Schüttelfrost, ein Gesäuge wie ein Felsbrocken und kriecht und windet sich vor Angst wie ein zertretener Wurm am Boden, den Schwanz soweit eingeklemmt, dass er unter der Brust herausragt.

Erneut stehe ich ratlos vor dem Verschlag und starre auf das dicke Vorhängeschloss. Selbst wenn es sich zertrümmern ließe, wäre es ein Einbruch. Und niemand braucht nervöse Jagdhunde, am wenigsten ich selbst.
Daher hole ich wie immer 10%igen griechischen Sahnejoghurt und schiebe ihn täglich unter dem Gitter durch. Vor Freude und Gier zerrt und beißt die Hündin in das Töpfchen, um es schneller hereinzuziehen, dabei verschüttet sie wie immer die Hälfte über ihren eigenen Kothaufen und in den feuchten, uringetränkten Sägespänen – aber es wird der Höhepunkt des Tages sein, auch ein leerer Joghurtbecher ist Ablenkung  und er kann wie immer nach allen Regeln der Kunst vollständig zernagt werden.

Mein Entsetzen gerät irgendwie zur Routine und die Routine ist nah an der Langweile. Angeödet frage ich mich, warum es immer noch Menschen gibt, die Hunde mit Schweinen, Schweine mit Hunden und beide mit geistlosen, zur Vernutzung und Verschleiß gedachten Gebrauchsgegenständen und sich selbst mit Menschen verwechseln.

Wie immer beehrt mich meine Katze Minze alle zwei Jahre um diese Jahreszeit – ein untrügliches Zeichen, dass die Ernährungslage hoffnungslos ist. Minze mit ihren grünblitzenden Augen genießt meine heimliche Bewunderung. Ein Ebenbild von Unabhängigkeit, Freiheitsliebe und Wildheit, manchmal Jahre unauffindbar, besonders, wenn ich mich mit Kastrationsgedanken trug, dann wieder aufgetaucht, als wäre alles gestern gewesen, schnurrend zu Zärtlichkeiten aufgelegt. Sie tut herum, ihren Schwanz  und ihr Hinterteilchen hoch aufgereckt, so als bedürfte es noch eines Hinweises darauf, was inzwischen mal wieder geschehen ist. Ich krame aus meinen Vorräten zwei Patébüchsen und ein Töpfchen griechischen Sahnejoghurt hervor. Minze frisst, schlingt und schleckt in rasendem Tempo und bleibt schließlich noch ein Weilchen benommen sitzen, um nicht zu bersten. Am nächsten Tag ist ihr Bauch um exakt den Umfang der zwei Dosen und des Töpfchens gewachsen.

Ich spähe nach oben und versuche im Dachgiebel das Einflugsloch der Bienen ausfindig zu machen, die mein Haus nun schon im dritten Jahr erfolgreich in einen Bienenstock verwandeln. Ich versuche mir auszumalen, wie es wohl da drinnen aussehen mag. Ich kann, mal wieder, nur mutmaßen. Irgendwie hatte ich erneut gehofft, die Bienen hätten den kalten, feuchten, wie-auch-immer Winter nicht überlebt – aber nein, da sind sie, wie immer geschäftig an der Arbeit. Es kann kein großer Stock sein, denn ich überhöre ihr „Aufstehen“ morgens um ca. 7:30 regelmäßig. Und abends wecke ich mit meiner Leselampe höchstens mal eine Biene, die aufgeschreckt durch die Decke gebrummt kommt und manisch das Licht umsummt, sodass ich unweigerlich meine Lektüre unterbrechen, wie immer zum bereit liegenden Lappen greifen und die nervtötende Summerin nach draußen befördern muss. Das hysterische Gebrumm und die Unterbrechung meiner wohligen Voreinschlafphase machen mich wütend. Doch immer wieder besänftigt mich der Gedanke an die vielen göttlichen Momente meines Lebens, die mir diese betriebsamen Wesen schenkten: mit schimmerndem, piemontesischen Akazienhonig, den ich mir zum Frühstück über ein par dicke Haferflocken, griechischen Joghurt und geschnittene Kiwis, Bananen, roten Pampelmusenstücken und Äpfel tropfen ließ, oder mit karamellartigem, zartgelben französischen Lavendelhonig, der, Ton in Ton, ein dick bestrichenes Butterbrot ziert oder der leicht harzige, dunkle Amazonashonig aus Brasilien, der irgendwie nach Orchideen, bunten Papageien und riesigen Urwaldpflanzen schmeckt.
Da ist es ja wohl das Mindeste, dass ich diesen Urheberinnen meines Honigglücks mein Haus als Refugium zur Verfügung stelle.

Dieses kleine Opfer muss es mir ja wohl – wie immer – wert sein.

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