Jochen Malmsheimer im Bonner Pantheon

maske_schraeg_buntAm 9.11. war Jochen Malmsheimer im Bonner Pantheon, dem Kabarett- und Kleinkunsttempel mit den grauenhaft harten, schwarzen Holzschalenstühlen der ehemaligen Bundeshauptstadt. Viele kennen den sprach- und stimmgewaltigen gebürtigen Essener aus der ZDF-Sendung “Neues aus der Anstalt”.

Man erinnert sich gern an Malmsheimers ICE-Stück oder “Das Wurstbrot” (siehe am Ende dieses Beitrags).

Auch in seinem neuen Kabarettprogramm mit dem vergnüglichen Titel  “Flieg Fisch, lies und gesunde! oder: Glück, wo ist Dein Stachel?!” wandelt Malmsheimer lustvoll zwischen Wortspiel, Poesie, Unsinn und Tiefsinn und lotet selbst noch den Schwachsinn kabarettistisch aus. Dabei wird vor allem deutlich: Malmsheimer ist ein Sprach- und Stimmkünstler.

Irgendwie tröstlich ist für alle diejenigen, die schon einmal auf der Bühne standen und etwas auswendig vortragen mussten, dass sich Malmsheimer eines dicken Buches bedient, woraus er gekonnt vorliest.

Malmsheimer wäre als häusliche Lektüre aber sicher nur das halbe Vergnügen, man muss schon seine Stimme mit hinzunehmen, die von einem hohen Falsett über einen durchdringenden, metallischen Tenor reicht, womit er attackeartige Wutanfälle mimt, die aber bei Bedarf auch bis in das Bass-Baritonregister fallen kann.

Malmsheimer präsentiert im ersten Teil des Abends in Patchworkmanier ein recht unzusammenhängendes Gemischtwarenlädchen. Seine Einlagen sind weitgehend unpolitisch, bis auf einen seltsamen Griff in die Mottenkiste der 68er: Malmsheimer beschreibt, wie seine Familie (bis hin zu “Omma”) es gut fand, wie Kanzler Kiesinger, ein schlimmer Altnazi, von Beate Klarsfeld öffentlich geohrfeigt wurde. Kiesinger? Der Mann war zwischen 1966 und 1969 Kanzler, Klarsfeld ohrfeigte ihn 1968 auf einem CDU-Parteitag. Da war Malmsheimer sieben Jahre alt.

Es ist ganz einfach so, dass die (politische) Kabarettszene in Deutschland, mit wenigen Ausnahmen, von linken Alt-68-igern beherrscht wird. Dem trägt auch Malmsheimer Rechnung, indem er sich eine politisch einwandfreie Familie zulegt. Nicht, dass man diese Story anzweifeln müsste, nur: Warum sollen wir so etwas heute, 42 Jahre später, irgendwie aktuell finden? Wenn Malmsheimer politisch werden möchte, so möge er sich doch bitte der Aktualität bedienen, will man ihm zurufen: Es gibt hier und heute genug zu tun! Im übrigen ist mir die politische Ausrichtung des Kabarettisten Herkunftsfamilie herzlich egal: Ich möchte ganz einfach lachen können, wenn mir pepperonischarfe Wortkaskaden die Lachtränen aus den Augen treiben. Jochen, mir ist völlig egal, ob Deine “Omma” den Gröfaz gut fand oder nicht! Belangloses ist nicht automatisch witzig.

Ähnlich daneben, ja peinlich, wirkt sein Herumreiten auf dem Ossi-Klischee: Leute in Meck-Pomm mit “Resignationshintergrund” (das war witzig!), die ihre Kinder in Blumenkästen auf dem Balkon und in der Tiefkühltruhe begraben, die Hand zum deutschen Gruß erheben und NPD wählen … uahhh.

Im zweiten Teil des Abends verrät Malmsheimer, dass er eigentlich Buchhändler ist und läuft zum Schluss mit einem Stück aus seiner Bibliothek, in dem er Büchern in großartig theatralischer Manier verschiedene Stimmen verleiht und einen heftigen, nächtlichen Streit in Szene setzt, zu seiner wahren Form auf:

Am besten ist Malmsheimer als Künstler – als stimmlicher und sprachlicher Entfesselungskünstler, der die deutsche Sprache vielfältig biegt, zerrt, schiebt und bis zum Wahnsinn treibt, Wörter kitzelt, bis sie vor Lachen platzen, Stilebenen und historische Sprachzustände durcheinanderwirbelt, Worte auf den Kopf stellt, Begriffe beugt, kurz ein sprachliches Feuerwerk abbrennt!

Das wundervolle Bücherstück dankte ihm das bekanntlich bücherliebende Bonner Publikum mit anhaltendem Applaus.

Kostproben von Jochen Malmsheimer:

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Eine Antwort zu “Jochen Malmsheimer im Bonner Pantheon”

  1. Martin sagt:

    Vielen Dank, Frau Beck, für die angemessene Würdigung des wohl derzeit besten Wortkünstlers deutscher Sprache. Ich habe ihn bereits zwei Mal live erleben können, es ist immer wieder ein Genuß. Einziges Manko ist, dass bei seinem Tempo es schwer hält mitzukommen und jede Pointe zu erfassen. Was sein Können allerdings nur unterstreicht.

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