Terror. Wider die öffentliche Wortverwirrung und mediale Inkontinenz

Bombeanschlag v. Oklahoma 1995; Quelle: Wikimedia Commons

Bombenanschlag v. Oklahoma 1995 (Quelle: Wikimedia Commons)

Inkontinenz ist, einfach gesprochen, eine Unfähigkeit, etwas oder sich selbst zurückzuhalten. Man unterscheidet mehrere Formen derselben:

Harninkontinenz, also die Unfähigkeit oder das Unvermögen, den Harn zurückzuhalten, genannt Einnässen. Oder die Stuhlinkontinenz, genannt Einkoten, dann die Flatulenz, also das Unvermögen Fürze zurückzuhalten, schließlich die Milchinkontinenz, die das dauernde Tröpfeln aus dem entsprechenden Organ bezeichnet, sowie die Affekt-Inkontinenz.
Letztere ist das Gegenteil von Zurückhaltung, Selbstbeherrschung und Kontrolle, gemeinhin die Unfähigkeit Emotionen, wie z. B. Hysterie zu kontrollieren: Hysteriker sind also Menschen, die z. B. unfähig sind, Ereignisse angemessen zu reflektieren.

Wenn man sich die derzeitige Terrorberichterstattung zu den angeblichen Terror-Päckchen aus dem Jemen in den Medien ansieht, kommt man nicht umhin, zu konstatieren, dass es sich angesichts einer noch völlig ungeklärten Faktenlage um eine besonders schwere Form der medialen Inkontinenz handeln muss, die alle Merkmale des soeben Definierten trägt.

Unaufhörlich tröpfelt und trieft es aus allen Medienrohren, verbales Dauergefurze bestimmt die Szenerie und kindisches Dauereinkoten vor einer gefühlten Terrorgefahr wird zur politischen Strategie. Ein Vollbild der Affekt-Inkontinenz – Vernunft nirgends; die Unfähigkeit, Ereignisse angemessen zu reflektieren und zu bewerten – allenthalben zelebriert.

Hier der hysterische Hype, das eifrig-sabbernde Geschreibsel und Gelaber, dort die eiskalte Wahlkampfstrategie, der nachlassenden Popularität des Präsidenten eine terroristische Frischzelleninjektion zu verpassen.

Ich sah zufällig eine Talkrunde im US-Fernsehen, bei der ein Analyst für Obama ein Oklahoma (= Bombenanschlag auf ein Bundesgebäude im April 1995 in Oklahoma City) einforderte; durch dieses Ereignis hätte damals Präsident Clinton im Meinungsumfragesinkflug sich wieder mit dem Volk verbinden (“to reconnect”) können: “Today our nation is joined with you in grief, we mourn with you”.

2 US-Militärjets kümmern sich um ein Gerücht...

2 US-Militärjets kümmern sich um ein Gerücht ...

Als vor wenigen Tagen ein saudi-arabisches  Flugzeug, das gerüchteweise ein Päckchen aus dem Jemen an Bord hatte, von zwei Militärmaschinen begleitet, zur Landung gezwungen wurde, spürte man förmlich, wie der Präsident sich kümmerte — um seine Popularität.

Angesichts des Gegreines und Gekreisches der Medien, der Hoch-Zeit von Security-Wichtigtuern in allerlei Uniformen, der Verwandlung des unbescholtenen Bürgers in einen zu kontrollierenden, endlos zu überprüfenden, zu durchleuchtenden und zu röntgenden Verdacht, der Verwandlung von Reisen in Spießr(o)uten – die Warteschlange, nicht mehr der Weg ist das Ziel, denn es geht ein Flug nach nirgendwo – der Verwandlung der Fracht- und Transportwegen von Verbindungs- und Lebensadern in  gigantomanische Male monumentaler, institutionalisierter Paranoia, ist es dringend nötig, sich einmal in den Arm zu zwicken und eine mediale Ausnüchterungszone zu betreten.

Bevor wir es zulassen, dass zwei Päckchen eines ungeklärten Absenders, irgendeines anonymen Scherzboldes oder Wirrkopfes, dessen Vater vermutlich seit längerem händeringend bittet, seinen armen Sohn doch irgendwie bewachen zu lassen, da er in die schlechte Gesellschaft irgendwelcher Dienste gefallen ist, so wie der arme Tropf aus Nigeria, alias “Unterhosenbomber”, dessen Vater sogar in die amerikanische Botschaft lief, um vor seinem Sohn zu warnen … bevor wir zulassen, dass unser Rechtsstaat und unser tägliches Leben sich in einen paranoiden Dauerkrampf verwandeln, sollten wir uns – quasi also Therapie und Antidotum – vergegenwärtigen, was Terror eigentlich ist:

Am 8.11.2010 veröffentlicht der General-Anzeiger Bonn einen hervorragenden Artikel zum Thema von Christiane Oelrich mit dem Titel “Tödliches Erbe der Vergangenheit. 40 (!) Jahre nach dem Vietnamkrieg fordern Streubomben in Laos jedes Jahr neue Opfer. Jetzt hofft das Land auf Hilfe.”

Moment, fand der Vietnamkrieg auch in Laos statt? Aber ja: Ab 1970 wurden Kambodscha und Laos bombardiert, da sie angeblich Terroristen (Vietkong) Unterschlupf boten und Rückzugsgebiet waren. Heute findet der Afghanistankrieg ja auch nicht nur in Afghanistan statt.

“Streubomben gehören zu den schlimmsten Kriegswaffen, weil ihre Folgen noch nach Jahrzehnten zu spüren sind (…) Sie sehen aus wie Rohre oder auch kleine Badewannen, die sich nach dem Abwurf öffnen. Hinaus fallen bis zu 300 Mini-Bomben, die beim Aufprall explodieren.”

“In Laos setzte die US-Luftwaffe in den 1960-er Jahren Streubomben gegen die Vietkong aus dem benachbarten Vietnam ein, die Dschungelpfade in Laos benutzen. 500.000 Bombenflüge gab es nach Angaben der US-Luftwaffe. Das entspricht einem Bomber alle neun Minuten, neun Jahre lang.” (Hervorheb. durch d. Aut.)

“Die Amerikaner warfen hier mehr Bomben ab als alle Alliierten im Zweiten Weltkrieg. Noch heute beklagt Laos bis zu 300 Bombenopfer im Jahr.”

“Rund 270 Millionen Bomblets – so heißen die kleinen Sprengkörper in den Streubomben – gingen über Laos nieder. 80 Millionen werden noch im Boden vermutet.”

So weit zu Terror – wahrem Terror. Obwohl es unter Umständen gar nicht auszuschließen ist, dass herbeigeredeter Terror und echter Terror am Ende die gleiche Quelle und Ursache haben, ist es immer wieder gut, die Dinge an den richtigen Platz zu stellen und dann mit den richtigen Worten zu belegen.

So möchte ich uns ersparen zu schildern, was passiert, wenn ein Mensch beim Pflügen, ein Kind beim Spielen, auf eine solche alte Streubombe tritt … In jedem Fall will ich, dass öffentliche Gelder für “terroristische” Gefahrenabwehr für die Unterstützung von Ländern wie Laos eingesetzt werden und nicht für neue Körperscanner, deren Anschaffung die fetten Geldkoffer von Security-Spezialfirmen füllen soll, oder neue gigantische Frachtröntgenanlagen, die wir dann demnächst über erhöhte Paketgebühren finanzieren dürfen.

Am 1. August dieses Jahres ist die Streubombenkonvention, ein völkerrechtlich gültiger Vertrag, in Kraft getreten, welche die Herstellung, den Einsatz und die Weitergabe bestimmter Streubombentypen verbietet. Nicht unterzeichnet haben die USA, Russland, Indien, Pakistan, Brasilien und Israel. Warum? Weil sie Produzenten und/oder Abwerfer von Streubomben sind. Auch das ist Terror.

Der Ideengeber für die terroristische, völkerrechtswidrige Bombardierung von Laos und Kambodscha war der damalige Sicherheitsberater des US-Präsidenten Nixon, Henry Kissinger, ein bis heute hochgeehrter und gern gesehener Gast, auch in deutschen Politkreisen. Hier eine Liste seiner terroristischen Akte.

Gruppe von Agent Orange geschädigten Kindern; Quelle: Wikimedia Commons

Gruppe von Agent Orange geschädigten Kindern (Quelle: Wikimedia Commons)

Wenn es um Terror geht, sollte man sich auch wieder einmal dazu zwingen, an den Vietnamkrieg selbst zu denken, z. B. den Einsatz von 80 Millionen Litern einer hochgiften, erbgutschädigenden Chemikalie namens Agent Orange. Nach vietnamesischen Angaben waren 4,8 Millionen Menschen diesem Höllengift ausgesetzt, es gebe 400.000 Opfer, eine halbe Million Kinder wurden bis heute verkrüppelt geboren, und es werden immer noch mehr.

Im Jahr 2004 versuchte eine vietnamesische Opfergruppe in New York eine Reihe von Herstellerfirmen, u. a. Monsanto und Dow Chemical auf Schadensersatz zu verklagen. Diese Klage wurde 2009 letztinstanzlich abgeschmettert. Begründung war u. a .: Der Einsatz der Chemikalie wäre ja damals nicht verboten gewesen. Die US-Regierung sei immun und folglich auch Firmen, die in ihrem Auftrag handelten. Verteidigungsminister Robert Gates kommentierte die Angelegenheit einfach mit: “War is War”.

Um ein normales Leben führen zu können, müssen wir Schrecklichkeiten, wie die oben aufgezählten, verdrängen. Man kann sich so etwas nicht ständig vor Augen halten. Lediglich, wenn es z. B. darum geht, die Verhältnismäßigkeit zu sehen, Worte zu klären, ist es nötig, sich in Erinnerung zu rufen, was Terror eigentlich ist.

Zum Schluss noch eine absolut anrühende Bildergeschichte von Gmx, die Ratten dabei  zeigen, wie sie die Folgen von Terror beseitigen: Ratten als Minensucher! Ich schlage diese niedlichen, intelligenten Tierchen definitiv für den nächsten Friedensnobelpreis vor. Die hätten es endlich mal verdient! Zucker!

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