Update zum norwegischen Massaker auf Utoya: Polizei fuhr Umweg

In meinem vorangenen Blogbeitrag zum Thema der norwegischen Anschläge, insbesondere des Massakers auf der Insel Utøya, hatte ich schon das Verhalten der norwegischen Polizei beleuchtet.

Neue Informationen lassen deren Vorgehensweise nunmehr immer grotesker erscheinen. Es kam nämlich heraus, dass die hochbelobigte Truppe (Justizminister Storberget: „fantastische Arbeit“) sogar einen besonderen Umweg wählte, um per Boot auf die Insel zu gelangen, während das Blutbad ungestört weiter lief.

Die ausdrücklich von der Regierung in Schutz genommene Polizei, die spontan 2,6 Millionen Euro für 100 zusätzliche Polizeistellen bewilligt bekam, nahm an diesem verhängnisvollen 22. Juli 2011 nicht den direkten Weg zur Unglücksinsel, sondern fuhr von Oslo kommend an der Insel vorbei, weiter an der Küste entlang bis auf die Höhe der nächsten Insel „Storøya“ und setzte von dort über. Das mit zehn Mann hoffnungslos überbelegte Boot sank beinahe während der Überfahrt und die Mannschaft musste ständig Wasser schöpfen. Der Motor stockte. Schließlich helfen zwei entgegenkommende Zivilboote aus und man kann den Weg fortsetzen, wie bereits im vorangegangegen Beitrag beschrieben. Das norwegische Fernsehen “NRK” hat die Strecke rekonstruiert:

Doch der Reihe nach: Zunächst ist es nicht einmal sicher, ob es „nur“ anderthalb Stunden dauerte, bis die Polizei eintraf. Betroffene sprechen nämlich von zwei Stunden verzweifelten Wartens, darunter auch der überlebende Camporganisator Adrian Pracon, der einige Interviews vom Krankenbett aus gab. („Heraldsun“: „Mr Pracon said the massacre lasted two hours before the police arrived. He said: ‘The first hour, we were running, swimming and trying to hide.’“) Die 600 Jugendlichen waren nahezu vollständig mit Handys ausgestattet, konnten also bald über ihre Situation informieren. (Allerdings sind nunmehr offiziellerseits alle Handys und Kameras eingesammelt worden.)

Erinnern wir uns: Die Polizei gibt auf ihrer Homepage zu, dass sie bereits um 17:02 erste Anrufe erhielt, die auch beim Polizeidistrikt Nord Buskerud eingingen, also bei der zuständigen Polizeistelle, die vom Festland aus am nächsten zur Insel liegt.

Frage: Warum fuhr die örtliche Polizei nicht sofort los? Der Google-Routenplaner vermeldet 20 km zwischen Polizeistelle und Fähranleger nach Utøya:
Größere Kartenansicht und Entfernungsangaben der Route

Norwegische Polizei ist bewaffnet, sie trägt die Waffen nur nicht am Körper, aber in einem Sicherheitsfach im Auto. Warum wartete man überhaupt auf das Sondereinsatzkommando? Gab es Befehle aus Oslo? Oder war es eine eigene Entscheidung der Einsatzleiterin Sissel Hammer vor Ort? Warum musste man überhaupt mit einem Polizei-Boot übersetzen? Dafür gab es keinen Grund, da es eine Fähre gibt, die hin- und her pendelt. Warum hat die Polizei also nicht einfach auf der Fähre übergesetzt, was wenige Minuten gedauert hätte? Sie wusste doch, dass es nur um einen Täter ging, oder etwa nicht? Hörten Sie vielleicht von mehreren Tätern und riefen deshalb um Hilfe?

Auf der Insel gibt es, wie alle Luftaufnahmen zeigen, hervorragende Deckungsmöglichkeiten. Der Täter trug angeblich Ohrstöpsel. Warum pirschte sich die Polizisten – zwei hätten notfalls genügt – nicht einfach heran? Selbst ein Streifschuss o. Ä. hätte vermutlich den Täter erst einmal aus dem Konzept gebracht. Nicht auszudenken, wie viele Menschenleben vielleicht hätten gerettet werden können …

Das Hubschrauber-Problem
Die Polizeistation Nord Buskerud forderte laut eigenen Angaben um 17:38 Verstärkung an. Der Militärtransporthubschrauber in Oslo war nicht einsatzbereit wegen Ferienabwesenheit des Personals, es gab aber noch einen Überwachungshubschrauber auf dem Flughafen in Gardemoen nordwestlich von Oslo, der aber angeblich nicht geeignet war, die Delta Force aufzunehmen; außerdem sei er laut Polzeichef Johan Fredrikson „mit unnützem Ausrüstungsmaterial voll“ gewesen.

Dabei ist klar, dass ein normaler Hubschrauber nicht 8 Mann Delta Force aufnehmen kann. Daher die Frage: Warum hat man nicht reduziert? Desweiteren wäre auch der Rettungshubschrauber „Sea King“ einsatzbereit gewesen. Er war nach dem Bombenattentat (15:20) im Zentrum der norwegischen Hauptstadt für Rettungseinsätze bereitgehalten worden. Die Bergungsarbeiten waren jedoch zum Zeitpunkt der Polizeiüberlegungen (ca. 17:00-17:30) längst abgeschlossen und der Hubschrauber hätte zur Verfügung gestanden. Auch er wurde von der Polizeieinsatzleitung verschmäht. Oslos Polizeichef Sveinung Sponheim gab an, es habe einen weiteren einsatzbereiten Hubschrauber 50-60 km südlich von der Hauptstadt auf dem Flugplatz Rygge gegeben. Es hätte aber zu lange gedauert, ihn zu nehmen.

Hubschrauber fliegen gewöhnlich zwischen 200-300 km/h, Militärhubschrauber noch schneller. Die Strecke Rygge-Utøya hätte ca. 100 km Luftlinie betragen. In 20-30 Minuten hätten die Polizei also dort seinn können. Kein Wunder, dass der Polizeieinsatz intern zu Diskussionen führte, warum nicht die ersten Polizeikräfte vor Ort gleich reagiert hätten, anstatt auf die Spezialkräfte aus Oslo zu warten. Das Desaster wird sicherlich den Kritikern recht geben, die schon lange angemahnt hatten, dass die Delta Force zu wenig Transportkapazität besäße.

Nach einem Terroranschlag sind immer die allerersten Zeugenaussagen von besonderer Bedeutung. Zeugen sahen nämlich sogar mehrere Hubschrauber kreisen, während das Morden noch in vollem Gange war. Eine besonders interessante Aussage ist die von Kaspar Ilaug , einem Bootsbesitzer, der in der Gegend öfters unterwegs war. Er berichtete in einem CNN-Interview vom 22.7. mehrere bemerkenswerte Dinge: Er kreuzt im Fjord in der Nähe der Insel Utøya und sieht mehrere Boote auf die Insel zusteuern, er nähert sich ebenfalls und entdeckt Menschen, die im Wasser treiben, woraufhin er mit einer Rettungsaktion startet und mehrmals eine Gruppe von Jugendlichen aus dem Wasser fischt und an Land bringt. „But some of them told me there was a policeman with a bald head that started to shoot arround them.“ (Einige von ihnen erzählten mir, dass da ein Polizist mit einem kahlen Kopf war, der anfing herumzuschießen).

Ilaug rettet zwischen 15–18 Menschen, insgesamt waren mehrere Boote, 5–10 beteiligt, erzählt er, die ca. 50 Jugendliche oder mehr aus dem Wasser fischten. Der Norweger wohnt während des Urlaubs auf einer Nachbarinsel und fährt oft zum Fischen aus. Auf Nachfrage erklärt er, er habe anfangs einige Aktivitäten bemerkt, kreuzende Boote und dann mehrere Helikopter gesehen, bevor die Polizei ankam.

Diese Aussage: Viele private Boote waren zu Hilfe geeilt, mehrere Hubschrauber kreisten über dem Schauplatz, die Polizei jedoch kam als letzte und das ebenfalls in zwei Privatbooten. Wären diese nicht aufgekreuzt, wäre das überladene Polizeiboot entweder abgesoffen oder man hätte die Insel noch viel später erreicht: mühsam paddelnd und Wasser schöpfend.

VG Nett berichtete am 15.8.2011, woher die Hubschrauber kamen: Ein erster Hubschrauber der norwegischen Luftrettung ANS erreichte nach einem Hilferuf 17:35 um 17:55 die Insel, konnte aber nicht landen, da das Massaker noch im Gange und die Polizei noch nicht eingetroffen war und er keine Landeerlaubnis von der Polizei erhielt. Ab diesem Zeitpunkt trafen nacheinander insgesamt 11 Hubschrauber ein, 6 der Luftrettung und 5 Militärhubschrauber; sie konnten jedoch alle nicht landen sondern gingen in Sollihøgda am Festland wesentlich weiter südlich herunter.

Mehr als ein Schütze?
Ein weiteres Problem sind Zeugenaussagen Überlebender, die sich auf mehrere Schützen bzw. Schüsse aus verschiedenene Richtungen beziehen:

Die 19-jährige Emilie Bersaas sagte Sky News:„Es gab eine Menge Schüsse, einige waren sehr nahe bei dem Gebäude, wo ich mich versteckte. Wir glauben jetzte, dass es sich um mehrere Männer handelte, da die Schüsse aus ganz verschiedenene Richtungen kamen.“
Der norwegische Sender NRK berichtet auf seiner News-Seite mit der Überschrift „Das waren mehrere Schützen auf Utoya“ über Zeugenberichte, die von mehreren Angreifern sprechen.

Auf seiner Facebook-Seite schreibt auch Torbjorn Vereide, Leiter einer Sektion der Arbeiterjugend (AUF), dass wie Polizisten gekleidete Schützen sie aufgefordert hätten, herbeizukommen, bevor sie auf sie zu schießen begannen.

Das Telefonproblem
Am Freitag vergangene Woche wurde der Beschuldigte Anders Behring Breivig erneut auf die Insel geführt, um vor Ort mehrere Stunden lang Fragen zu beantworten. Sein Anwalt, Geir Lippestad, wartete mit einem verstörenden Detail auf wie u. a. die BBC meldete: Sein Mandant habe während des Schießens die Polizei zehnmal angerufen und versucht, sich zu ergeben, aber acht Anrufe seien nicht beantwortet worden. Zwei Anrufe wurden also beantwortet. Die norwegische Zeitung VG schreibt am 12.8.2011 in ihrer online Ausgabe der Täter habe kapitulieren wollen und sichergehen wollen, dass er nicht erschossen würde; er habe die Polizei sogar zum Rückruf und zur Bestätigung seiner Aussage aufgefordert. Er habe während des Massakers Pausen eingelegt, da er der Meinung war, er habe bereits genug Schaden angerichtet. Die Polizei rief nicht zurück, jedoch gibt es bei der Polizeieisatzzentrale Süd Buskerud Aufzeichnungen der beiden erfolgreichen Telefonate Breivigs, die zur Polizei durchdrangen. Die Beobachtung von Pausen während des Schießens wurden von Zeugen bestätigt, so VG Nett.

Diese neusten Informationen werfen ein noch katastrophaleres Licht auf die norwegische Polizei insbesondere auf die Einsatzleitung in Oslo. Statt den die Kommunikation suchenden Attentäter am Telefon zu halten oder mit den geforderten Rückrufen zu beschäftigen, tat man nichts dergleichen. Arme Angehörige!

Das Drogenproblem
Die Analyse der Blutprobe, die dem Attentäter nach seiner Festnahme entnommen wurde, ergab, dass er während der Tat unter dem Einfluss von Drogen stand. „‘Ich kann bestätigen, dass er illegale Drogen genommen hatte“, sagte Polizeistaatsanwalt Paal-Fredrik Hjort Kraby am Montag der Nachrichtenagentur AFP. Dies hätten entsprechende Bluttests ergeben. Angaben zur Art der verwendeten Drogen wollte er nicht machen”, so am 8.8.2011  z. B. das Handelsblatt. Pech, für die Medien, allen voran der Spiegel, (der dem Täter einen Titel widmete), und für ihr Publikum ein Psychogramm des Täters zusammenfabulierten. Chemie bzw. Pharmakologie, nicht Psychologie, sollten bei Bewertungen daher viel eher  im Vordergrund stehen…

Der Skandal um die HV-01

Wappen der norwegischen Heimwehr

Wappen der norwegischen Heimwehr

Die norwegische Heimwehr (“Heimevernet”), eine 1946 gegründete milizartige Einsatztruppe, durfte nicht “mitmachen”. Dabei ist ihre Task Force insbesondere auf Terroranschläge vorbereitet.
Die  ca. 50.000 Mann starke Miliz, die zum norwegischen Militär gehört (4. Teilstreitkraft), hat eine mobile Einsatzgruppe, die selbstverständlich über Militärhubschrauber, Scharfschützen usw. verfügt, sie ist bestens ausgerüstet.
Es gibt 18 Heimwehrdistrikte, in denen Heer, Luftwaffe und Marine vertreten sind. Die Heimwehr entsendet Spezialisten in alle Waffengattungen und ist die creme de la creme. 1200 Mann sind ständig abrufbar.

Angehörige dieser Miliz berichteten gegenüber den Medien, sie hätten im Fernsehen von den Anschlägen gehört und sofort ihre Sachen zusammengepackt. Sie hätten damit gerechnet nach Oslo und Utøya gerufen zu werden. “Ich sah im Fernsehen, dass es eine Bombenexplosion in Oslo gab und dachte dann, dass wir jetzt einen Einsatzbefehl bekämen. Ich packte die Dinge und machte mich bereit, so schnell wie möglich nach Oslo zu gehen“, sagt Morten Grønli, so VG Nett v. 15.8.2011.

Ein Einsatzbefehl erfolgte jedoch nicht… Die Task Force HV-01 in Østfold trainiert 25 Tage im Jahr Anti-Terroreinsätze. Umsonst.

Es läuft immer mehr darauf hinaus, dass der eigentliche Skandal bei der Polizei in Oslo zu suchen ist. Denn die Delta Force, die in ihrer Raktion bzw. Nicht-Reaktion so ein jämmerliches (um nicht zu sagen kriminelles) Bild bot, ist eine Unterabteilung der Polizei. Sie steht gewissermaßen in Konkurrenz zu der “Heimwehr”. Die Polizei ist wiederum dem norwegischen Justizministerium unterstellt. Kein Wunder also, dass Justizminister Knut Storberget, seine Polizei vor Kritik in Schutz nahm. Reiner Selbstschutz?

Was machte eigentlich Norwegens Verteidigungsministerin Grete Faremo am 22.7.2011. Hatte sie nicht mitzureden? Sie scheint anderweitig beschäftigt: Sie ist auf der Suche nach weiblichen Kommandeurinnen für die Truppe. Vor der UNO sagte sie am 26.10.2010:

Als Verteidigungsminister bemerke ich, dass alle Kommandeure der UN-Truppen Männer sind. Es ist höchste Zeit, dass dies geändert wird. Ich rufe die UNO dazu auf, damit zu beginnen nach Frauen-Kommandeuren zu suchen, während wir gleichzeitig das Gender-Verhältnis unserer Truppen verbessern.” Frau Faremo hat das Gender-Thema an erster Stelle liest man ihre Erklärungen.

Warum gab sie am 22.7.2011 nicht den Einsatzbefehl für die norwegische “Heimevernet” aus?

Die entscheidende Frage lautet, warum bekam die Polizei und nicht die Heimwehr die Einsatzleitung?

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Eine Antwort zu “Update zum norwegischen Massaker auf Utoya: Polizei fuhr Umweg”

  1. [...] mehr Fragen auf das seltsame Verhalten der Polizei auf, die nahelegen, das man dem Täter … Zeit lassen wollte. Zu ungeheuerlich? So ungeheuerlich vielleicht wie die jetzt gerade aufgedeckte Unterwanderung der [...]

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