Westliche Wertegemeinschaft: Stichwort Jens Söring

Buch: Nicht schuldig (2012)

“Wir brauchen nicht mehr zu reden über die gemeinsamen Werte, die wir teilen.” So oder ähnlich lauten die Beschwörungsformeln der transatlantischen bzw. westlichen Wertegemeinschaft über das wortlose Glück der “shared values”.

Leider ist die Wohlfühlformel jedoch nicht belastbar und dient nur als Soft-Droge, welche die Ratio benebelt und Diskussionen behindert.

Denn es besteht sehr wohl Redebedarf:

Seit 1985 sitzt ein deutscher Staatsangehöriger in US-Gefängnissen, ohne dass sich die Politik eine feuchten Kehricht um ihn schert:

Jens Söring, der deutsche Diplomatensohn, der aus jugendlicher Dummheit und falsch verstandener Ritterlichkeit ein Geständnis für zwei Morde ablegte, die er nicht beging. Nicht Helmut Kohl, nicht Schröder, nicht Merkel und auch nicht die dazugehörigen Außenminister kümmerten sich.

Sein Fall wurde wieder und wieder dokumentiert (ich empfehle z. B. die ZDF-Dokumentationen): An seiner Unschuld kann kein Zweifel bestehen. Söring hatte 18-jährig ein Begabten-Stipendium an der Universität von Virginia erhalten. Dort lernte er, der völlig Unerfahrene, auch seine erste, zwei Jahre ältere, Freundin kennen. Diese hatte immer wieder Probleme mit ihren Eltern und mit Drogen.

Eines Nachts kam sie völlig aufgelöst zu Söring, erzählte ihm von dem Mord an ihren Eltern und bat ihn inständig, ihr zu helfen und sie vor dem elektrischen Stuhl zu retten. Söring beschloss in der naiven Annahme, sein Diplomatenpass werde ihn schützen und offenbar von  deutschen BKA-Beamten animiert, die Schuld auf sich zu nehmen, da er meinte, er genieße Immunität – eine verhängnisvolle Fehleinschätzung! In England mit seiner Freundin verhaftet, sanktionierte der Europäische Gerichtshof gar seine Auslieferung in die USA, eine weitere Fehlkalkulation Sörings, der auf eine Überstellung nach Deutschland baute.

Es nutzte ihm hinfort nichts mehr, dass er seine anfänglichen Geständnisse widerrief. Der Untersuchungen wurden in Bedford, Virginia, von einem jungen Polizisten geleitet, der zum ersten Mal ermittelte. Bis heute kämpft dieser erbittert um seine Version. Überhaupt werden in den USA nach oft schlampigen Ermittlungen die beruflichen Karrieren von Richtern, Staatsanwälten und Detectives stark auf Verurteilungen gebaut.

Das Geschworenengericht wurde damals mit einem simplen Polizeitrick überzeugt: Über eine blutige Fußspur in der Wohnung der Ermordeten wurde Sörungs Fußabdruck gelegt; kam mehr oder weniger hin. Das war’s dann für ihn. Zweimal lebenslänglich.

Am Tatort wurden jedoch nie Fingerabrücke von Söring gefunden, nachträgliche DNS-Untersuchungen des alten Beweismaterials deuteten ebenfalls nicht auf ihn hin. Ein Zeuge von damals, der die vermutliche Mordwaffe in einem blutverschmierten Wagen in seiner Werkstatt zusammen mit einem bis dahin nicht bekannten Freund der Tochter der Mordopfer gesehen hatte, wird unterdrückt.

Die Anordnung eines Senator, der der Überstellung Sörings nach Deutschland schon zugestimmt hatte, wird von seinem Nachfolger rückgängig gemacht. Der Fall ist ein Politikum; Abweichungen von der harten Linie kommen in der Politik dort nicht gut an.

Umso mehr empört die Schlagzeile des Bonner Generalanzeigers v. 14./15.7.: “Verurteilter Bonner Doppelmörder bleibt in US-Haft”. Ohne den Fall zu erläutern wird mitleidlos erwähnt, dass Sörings Gesuch zur Haftüberstellung nach Deutschland erneut von einer Richterin abgelehnt wurde.

Zu denken gibt im Fall Söring, wie wenig man als Deutscher im Ausland von seinem eigenen Land Hilfestellung erhält, selbst wenn der eigene Vater Diplomat ist. Nicht einmal nach 26 Jahren erscheint eine Rückholung Sörings machbar.

Seit 1985 lässt man einen Deutschen in den USA hinter Gittern verrotten, ohne dass es irgendeine Offensive auf hoher politischer Ebene gegeben hätte (Bundeskanzler, Außenministerium).

Söring ist Autor mehrer Bücher, in denen er u. a. auch das strafwütige und rachsüchtige amerikanische Justizsystem harsch kritisiert, womit er sich vermutlich keine Freunde gemacht hat.  In den Büchern beschreibt er die menschenunwürdigen Verhältnisse in  US- Gefängnissen, die z. T. privatisiert sind. Dadurch hat niemand ein Interesse, eine sichere Einnahmequelle, die Häftlinge!, zu verlieren (siehe auch den Beitrag “Knast-Coaching: Schattenarbeit der besonderen Art”, erschienen in zeitgeist-Printausgabe 20). Die USA haben eine der höchsten Inhaftierungsraten der Welt.

Der Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung sowie einzelne Abgeordnete aller Parteien bemühen sich um seine Freilassung – wie man aktuell gesehen hat – ergebnislos. Die höchste deutsche politische Ebene müsste bereit sein, sich in den USA auch einmal höchst unbeliebt zu machen und beginnen, um deutsche Bürger wirklich zu kämpfen. Davon sind wir weiter denn je entfernt, so steht zu befürchten.

Pudelpolitiker, die nur durch schablonenhaftes Wiederkäuen transatlantischer Beschwörungsformeln auffallen, können nicht erwarten, irgendwo ernst genommen zu werden. Der Einflussspielraum ihrer freiwilligen Selbstbeschränkung  tendiert folglich gegen null.

Hier geht’s zu Jens Sörings Homepage. Und hier findet sich eine Zusammenfassung der größten Ungerechtigkeiten bei den US-Justizgepflogenheiten.

Und hier noch eine Sendung des SWR1 vom 30.5.12, die zeigt, dass es auch noch andere Deutsche in den USA gibt, die man hinter Gittern verrotten lässt …

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Eine Antwort zu “Westliche Wertegemeinschaft: Stichwort Jens Söring”

  1. [...] Auch einige Deutsche rotten in US-Gefängnissen ihrem Lebensende entgegen. So z. B. der deutsche Diplomatensohn Jens Söring, der 18-jährig mit einem Hochbegabtenstipendium versehen aus falsch verstandener Ritterlichkeit [...]

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