Syrien. Die NYT dokumentiert einen “Selbstmordanschlag”

Die New York Times veröffentlichte am 20. August eine Reportage, “Life With Syria’s Rebels in a Cold and Cunning War” (Leben mit Syriens Rebellen in einem kalten und hinterlistigen Krieg) – das Leben  mit den Rebellen der “Löwen von al Tahwid” in Aleppo. Die Überschrift ist euphemistisch, was man jedoch erst realisiert, wenn man den Beitrag bis zu Ende gelesen/angesehen hat.

Was als respektvolles Porträt einer Gruppe der FSA (Free Syrian Army) gedacht war, gerät unversehen zur Dokumentation eines moralischen Abgrundes und Beantwortung der Frage: Wie kommt es zu “Selbstmordanschlägen”?

Fünf Tage lang begleitet die NYT die “Löwen”. Die Geschichte windet sich dröge daher – und hat Schwierigkeiten auf den Punkt zu kommen. Dabei geht es im Kern um einen gefangenen Mann, der offensichtlich von den “Freiheitskämpfern” nach allen Regeln zusammengeschlagen wurde. Nicht nur sein linker, sichtbarer Arm ist völlig rot und geschwollen, sondern auch sein linker Fuß wirkt deformiert. Die NYT zeigt ein Foto einer männlichen Krankenschwester, die sich über den Geschlagenen beugt: So fürsorglich sind also die Rebellen. Doch es wird schlimmer:

Dem Unglücklichen wird befohlen, zu einem angeblichen Gefangenenaustausch an einem Checkpoint der syrischen Armee zu fahren, um frei zu kommen. Was der Mann nicht weiß: Der Laster ist mit Sprengstoff beladen. Sobald der Gefangene den Checkpoint erreicht, soll der Sprengstoff ferngezündet werden und der Mann und alle im Umkreis damit ins Jenseits befördert werden. Doch der Anschlag schlägt fehl, der Gefangene überlebt wie durch ein Wunder: Die syrische Armee nutzt offensichtlich Störsingnale, um solche Anschläge zu vermeiden!

Die verärgerten Rebellen kehren in ihr Quartier zurück, die ehemalige Wohnung eines Polizisten, und vergnügen sich mit dessen Hochzeitsfotos und in seinem Pool. Die NYT murmelt etwas von “Schicksal” und vermeidet dabei die eigentliche Frage: Haben sich die Herren Chivers und Salomon (Autor, Produzent des Films) nicht mindestens der unterlassenen Hilfeleistung, wenn nicht der Beihilfe bei einem versuchten, kaltblütigen Mord schuldig gemacht?

Hier der Originalbericht “The Lions of Tahwid”.

Auch die zugehörige Diashow ist komplizenhaft-augenzwinkernd und betitelt den von den “Löwen” schwer Gefolterten rundheraus als Shabiha-Angehörigen (regimetreue Milizen), ohne eigene Recherchen angestellt zu haben, welche diesen Untertitel rechtfertigen würden.

Die BBC hatte die bedenkliche Reportage übernommen, sie aber aufgeschreckt, wieder entfernt. Sie ist jedoch noch bei Youtube zu finden:

Wer die Kommentare der begeisterten Leserschaft der NYT liest, dem wird klar: Die Leser haben nicht einmal bemerkt, das hier eiskalte Mörder beschrieben werden.

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Eine Antwort zu “Syrien. Die NYT dokumentiert einen “Selbstmordanschlag””

  1. k_w sagt:

    Sehr brutal, aber auch brutal entlarvend:
    http://www.frequency.com/topic/syrian+army?cid=5-1017996

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