Avaaz und Syrien

Am 23. April 2012 ging ein Artikel online, worin ich über die größte Spenden- und Kampagnenmaschine der Welt, Avaaz (aktuell ca. 16 Millionen “Mitglieder”), bis dato Unbekanntes zutage förderte. Der Artikel erfreut sich ungebrochener Beliebtheit.

Ankhar Kochneva (Quelle: Facebook)

Kürzlich stolperte ich über eine Aussage der syrisch-ukrainischen Journalistin Ankhar Kochneva, die eine seltsame Begegnung mit der Avaaz-Kampagnendirektorin Stefanie Brancaforte in Moskau hatte.

Jedoch der Reihe nach: Ankhar Kochneva ist eine in Damaskus lebende, arabisch sprechende freie Journalstin, die auch einen Blog führt(e). Sie reiste viel in Syrien, insbesondere, um Informationen über die Rebellenmilizen zu erhalten. Das brachte ihr wiederholt Todesdrohungen ein. Durch ihre Sprachkenntnisse konnte Kochneva viel tiefere Einblicke gewinnen als so mancher westliche Journalist. Darüber gab sie Russia Today (RT) zweimal ein Interview, dem man viele Details und Informationen entnehmen kann, die man andernorts nicht findet.

In einem Interview vom 8. Juli 2012 bei RT erklärt sie u. a., wie es zu den syrischen Flüchtlingsströmen in die Türkei kam: Rebellen kanalisierten die Einwohner von umkämpften Ortschaften Richtung Türkei,  indem sie ihnen den Weg zu anderen Straßen abschnitten. (Normalerweise hätten sie versucht, bei Verwandten unterzukommen). Kochneva berichtet von eklatanten Menschenrechtsverletzungen der Rebellenmilizen wie Entführungen und Folter auch an Kindern, Ermordungen von christlichen Priestern und sogar eines Mufti-Sohnes etc.

Bereits im Januar hatte sie gegenüber RT einige wichtige Informationen über die Arbeitsweise der “Rebellen” geäußert, die nur eine arabisch sprechende Person geben kann: Sie hatte ermittelt, dass “Demonstrationen” oft über die Fernsehsender Al-Dschassira und Al-Arabiya mithilfe der Wettervorhersage quasi kodiert angeordnet werden. Dies fand sie heraus, da sie einmal zufällig einen der Sender eingeschaltet hatte, als er von heftigen Demonstrationen gegen da Assad-Regime in Damaskus berichtete, an einem Ort, der sich in ihrer Sichtweite befand. Kochneva sah definitiv keine Kundgebung. Exakt zwei Stunden später tauchte jedoch eine Gruppe Demonstranten auf, Fernsehkameras waren bereits in Stellung gebracht, man rief eine Viertelstunde lang Parolen, und schon waren die Fernsehbilder im Kasten.

Im besagten Artikel schildert Kochneva ihre Begegnung mit Avaaz so:

RT: Was weiß man von den Stiftungen, welche die Opposition finanzieren?

AK: Ich wurde einmal eingeladen, eine Frau in Moskau zu treffen, die eine der Organisationen anführt. Ihr Name ist Stefanie Brancaforte und sie ist die Kampagnendirektorin einer internationalen Gesellschaft namens Avaaz … Diese Organisation interessierte sich in letzter Zeit dafür, Blogger zu treffen, die regelmäßig über Syrien und die Wahrheit berichten. Sie haben unsere Kontakte gefunden und schlugen ein persönliches Treffen vor. Und die Chefin der Organisation kam eigens nach Moskau, um uns zu treffen. Ich vermute, wir müssen wirklich wichtig für sie sein. Da ich mich dauerhaft in Syrien aufhalte, erkannte diese Frau schnell, dass man mich nicht hinters Licht führen oder mich kompromitieren würde. Die Dame war selbst nie in Syrien gewesen, sie spricht kein Arabisch und sie macht sich eine Meinung über die Situation im Land über die Berichte anderer Leute. Nichtsdestotrotz ist sie extrem kategorisch in ihrer Einschätzung dessen, was dort vor sich geht. Als ich sie direkt fragte, ob sie jemals Syrien besucht habe, beendete sie unser Gespräch abrupt.

Interessanterweise hatte sie von mir durch syrische Oppositionelle erfahren, die in Moskau beheimatet sind. Das bedeutet, dass sie untereinander in Kontakt stehen. Niemand wird mich je davon überzeugen, dass eine Organisation, die ausdrücklich zugibt, dass sie die Opposition in Syrien finanziert, nicht auch Mitglieder der Opposition in Moskau sponsert.

Avaaz hatte offen zugegeben, am arabischen “Frühling” aktiv mitgearbeitet zu haben, in Syrien frühzeitig eine Schmuggelnetzwerk eingerichtet und die Rebellen mit hochmodernen Kommunikationsmitteln ausgerüstet zu haben. Avaaz-Bürgerjournalist Danny Abdul Dayem verschwand nach der Enthüllung von Lügen und Manipulationen jedoch aus den Avaaz-Aufrufen.

Am 9. Oktober 2012 wurde die Journalistin Ankhar Kochneva von FSA-Rebellen gekidnapped. Das Schlimmste ist zu befürchten …Vor wenigen Tagen stellten Rebellen eine kurze Videobotschaft ein, worauf Kochneva verschleiert zu sehen ist: Die ukrainische bzw. russische Botschaft solle auf die syrische Regerung einwirken, dass sie die Forderungen der Kidnapper erfülle:

Kochneva ist nicht das erste Opfer. Die Nichtregierungsorganisation Reporter ohne Grenzen hatte bereits mehrfach auf den Skandal hingewiesen, dass die syrischen Rebellen gezielt Journalisten entführen und ermorden.

Dies ist Teil einer Strategie, alle Ermordungen bzw. Entführungen automatisch auf das Konto der syrischen Armee zu buchen, was von westlichen Medien willig übernommen wird. Ein toter Journalist ist also immer eine gute Nachricht für die “Rebellen”.

Alex Thomson, ein britischer Journalist für den Fernsehsender Channel 4, prangerte an, wie er von der FSA am 12. Juni in eine Falle gelockt werden sollte, um dann im Kugelhagel zu sterben.

Yara Saleh rechts in der Gewalt der Rebellen (Quelle: Voltairenet)

Die Journalistin Yara Saleh von Al-Ikbariya TV, einem Sender bei Damaskus, wurde am 11. August 2012 bei Dreharbeiten von Rebellen entführt, sieben Mitabeiter des Senders von Milizen sofort erschossen, das Gebäude in die Luft gesprengt. Die syrische Armee konnte die Frau befreien, sie war nur knapp einer Vergewaltigung entkommen.

Maya Naser, ein syrischer  Mitarbeiter von Press TV wurde während der Arbeit an einer Reportage über den Doppelanschlag auf Verteidigungsministerium in Damaskus am 26. September 2012 durch einen gezielten Todeschuss in den Nacken ausgeschaltet.

Der bei seiner Arbeit getötete syrische Journalist Maya Naser (Quelle: Facebook)

Studios, die kritisch über die Rebellen berichten, sind besonders in Gefahr: Schon im Juli waren die Studios von Press TV  und dem Sender Al-Alam drei Tage lang von Rebellen angegriffen worden.

 

 

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Eine Antwort zu “Avaaz und Syrien”

  1. Martin sagt:

    Frau Beck,

    Sie werden doch wohl nicht unser “heiles” Weltbild zerstören, welches wir durch so Qualitätsmedien wie die des ÖR bekommen? Wo immer so lustige, verwackelte Bilder zur besten Sendezeit über den Bildschirm flimmern und im Konjunktiv gesprochen wird.

    *bitterböse Ironie off*

    Vielen Dank für einen wieder einmal großartigen, informativen Artikel!

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