Erdgas: Energie des 21. Jahrhunderts und der neue Energieraum östliches Mittelmeer

An dieser Stelle hatte ich bereits einen Artikel über die riesigen neuen Erdgasfunde im östlichen Mittelmeer eingestellt. Zur Erinnerung: 2009 und 2010 waren vor der israelischen Küste die Gasfelder Tamar und Leviathan gefunden worden, was sofort Fragen hinsichtlich etwaiger Ansprüche des Libanon und auch der Palästinenser aufwarf (vor Gaza werden größere Vorkommen angenommen). Israel hat jedoch die internationalen Seerechtsstatuten nicht unterzeichnet, sodass das Abstecken der Gas-”Claims” nicht unproblematisch ist.

In den Vereinigten Staaten gibt es einen geologischen Bericht, der stets aktualisiert wird. Dieser “US Geological Survey” (USGS) für das Jahr 2010 vermerkte am 8.  April für die Gasvorkommen im östlichen Mittelmeer:

2010: Markierung des Levante-Gasfeldes, östliches Mittelmeer; Quelle USGS

Die Region des Levante-Beckens ist vergleichbar mit einigen der größten Erdgas-Gebiete weltweit und seine Gas-Ressourcen sind größer als alles, was wir in den Vereinigten Staaten bisher bewertet haben.” Damals war im USGS die Rede von geschätzten 122 trillion cubic feet (tcf), also Billionen Kubikfuß.

Im Mai 2010 gab der USGS eine Schätzung des gesamten östlichen Mittelmeerbogens inklusive des Nildeltas und der Küste der Türkei ab und kam auf eine Zahl von 345 tcf Gas und 3,4 Milliarden Barrel Erdöl. Um die ungeheuren Lagerstätten besser einschätzen zu können, hier die Vergleichszahlen aus anderen Erdgasregionen der Welt:

Russland, Westsibirisches Becken: Das größte bekannte Erdgasfeld der Welt: 643 tcf Gas.

Mittlerer Osten und Nordafrika (südwestliches Saudi Arabien und Nordjemen): 426 tcf Gas.

Das große Ghawar-Feld im östlichen Saudi-Arabien: 227 tcf Gas, darüber hinaus auch Erdöl.

Das Zagros-Feld, das sich entlang des Persischen Golfs in den Iran und den Irak zieht: 212 tcf Gas.

Die angegebenen Vergleichszahlen mögen genügen, um die Relevanz des östlichen Mittelmeers als neuem Energieraum zu verdeutlichen. Die Karte verdeutlicht, dass sowohl die Palästinenser als auch der Libanon, Syrien, die Türkei, Zypern und Griechenland in Sachen Erdgas im selben Boot sitzen bzw. konkurrieren.

Etwas Wichtiges kommt hinzu: Im Juli 2011 schloss Syrien mit dem Iran und dem Irak Verträge über eine neue Ferngasleitung vom Persischen Golf ins Mittelmeer ab. Dies ist ein Novum, denn Syrien befände sich damit im Zentrum eines neuen Energieraums, wie Analysten sofort bemerkten. Syrien wäre somit involviert in Produktion, Lagerung und Transport von Energie. Die neue energiestrategische Drehschreibe Syrien und das Projekt einer Ferngasleitung stehen freilich in direkter Konkurrenz:

Nabucco heißt das von den USA und der EU stark befürwortete Pipeline-Projekt, das jedoch nicht so recht vorankommt und dessen Baubeginn auf 2013 verschoben wurde. Unklar ist vor allem, woher das Nabucco-Gas genau kommen soll. Das kaspische soll es sein, jedoch vielleicht auch das iranische, irakische oder ägyptische.

rot: die geplante Nabucco-Erdgasleitung, blau: North Stream und South Stream; Quelle: wikimedia commons

Die geplante syrisch-irakisch-iranische Ferngasleitung vom Persischen Golf ins östliche Mittelmeer stünde aufgrund der Verortung der Gasquellen vor allem im Wettbewerb mit Nabucco.

Vor wenigen Tagen hörten wir, das “Rebellen” die syrischen Erdölfelder bei Deir-Ezzor angegriffen und besetzt hätten. Eine unabhängige Bestätigung erfolgte allerdings bisher nicht. Wiederholt hatten “Rebellen” bereits syrische Pipelines und Erdöldepots angegriffen.

Al-Ward ist eines der wichtigsten Ölfelder bei Deir-Ezzor und ist für Syriens Energieversorgung sehr bedeutsam.

95 % des syrischen Öls wurde vor Beginn der  Sanktionen 2011 von der EU gekauft.

Hier einige Impressionen von den Angriffen der islamistisch-terroristischen Rebellenmilizen auf die Erdölstadt vom September dieses Jahres. (Achtung: grausame Bilder!).

Deir-Ezzor ist das Zentrum des syrischen Petroleumindustrie. Neben Rebellentruppen der sogenannten FSA (Free Syrian Army) kämpfen dort auch ein Al-Quaida-Ableger: die berüchtigte Al-Nusra Front.

Diese nehmen alle ihre Taten auf Handyvideos auf und brüllen bei jedem Schuss oder Folterakt “Allahu Akbar” – ihre Taten, die sie alle stolz auf Youtube hochladen, könnten keine größere Gotteslästerung sein.

Die Stellung Syriens als potenzielle Energiedrehscheibe sollte bei der Beurteilung des Stellvertreterkrieges in Syrien mehr Beachtung finden.

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2 Antworten zu “Erdgas: Energie des 21. Jahrhunderts und der neue Energieraum östliches Mittelmeer”

  1. Holger sagt:

    Ein sehr informativer Bericht. Da kann man doch noch einiges dazu lernen.

  2. [...] Die iranische Ankündigung lässt Sorgen aufkommen, dass sich eine energiestrategische Dimension im westlichen Vorgehen gegen die beteiligten Länder verstärkt, da das Projekt in dierekter Konkurrenz zu Nabucco steht und überdies dem Iran über Syrien einen direkten Absatzmarkt in Europa eröffnen würde. (Sie hierzu auch mein vorangehender Beitrag). [...]

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