Deutschland: Grußlos!

Wenn Sie im Wald spazieren gehen und auf einer Lichtung plötzlich einem Menschen begegnen, einen Berg besteigen und Ihnen jemand entgegen kommt, abends mit ihrem Hund in einen Park gehen und plötzlich einen anderen Menschen sehen: Würden Sie grüßen?

Was als das Normalste der Welt erscheint, darauf kann man in Deutschland längst nicht mehr rechnen: Ein älteres Paar nähert sich vom Horizont her, sie mit einem schweren Pelz um den Hals, der Rest guter Loden, plötzlich intensivieren sie auffällig ihre Konversation, spielen die Vertieften – um nicht grüßen zu müssen.

Allein im Wald: Jogger, Paare, Männer jeden Alters, Frauen zu zweit oder allein; man meidet Blickkontakt, senkt den Blick, tut geistesabwesend oder beschäftigt. Alles, bloß nicht grüßen!

Dabei handelt es sich vermutlich um ein in aller Welt zu findende Selbstverständlichkeit – man möchte mit dem Gruß schließlich zeigen, dass man nicht Böses im Schilde führt und das Gegenüber respektiert.

Mein Vater kam neulich von einem Einkauf völlig deprimiert nach Hause: Niemand hatte ihn zurückgegrüßt, ja, einer hatte noch empört-verwundert geschaut; was  will der denn bloß?

Wie anders ist da doch die Schweiz. Auf einer Straße eines kleinen Ortes ist die Schule aus. Alle paar Meter schallt mir ein fröhliche “Grüzi!” entgegen. Ich bin fast verstört. Oder dann beim Aufstieg auf einen Berg: Alle zehn Minuten kommen absteigende Leute herunter, jedes Mal kommt ein “Grüzi woll” und ich halte tapfer dagegen. Einmal kommt von oben nichts. Da meint meine Schweizer Begleiterin: “Ja das weiß man gleich, das sind Zugereiste, die gehören nicht hierher.”

Verstoffelt und verdruckst, und eben ganz einfach ungehobelt und unhöflich, so sind die Deutschen leider sehr oft.

Aber eine Ausnahme gibt’s: Die Hundebesitzer. Da kommt man meist um eine ausgiebige Begrüßung nebst Hundeplausch nicht herum plus Leidens-und Lebensgeschichten von Hund und Herrchen. Danke für die Normalität!

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5 Antworten zu “Deutschland: Grußlos!”

  1. Neukunde sagt:

    Gut beobachtet. Ich grüße Sie!

  2. Roland sagt:

    Ach, Sie wohnen einfach in der falschen Gegend und Deutschland ist so voller verschiedener Stammesriten. Kommen Sie mal nach Kiel, hier ist es so wie Sie es sich wünschen. Das sage ich als seit 24 Jahren in Kiel lebender Potsdamer, der gerade die freundliche Verbindlichkeit der Menschen hier schätzt.

  3. Pedro Pohl sagt:

    Auch ich frage mich, welche Gegend in D die Friederike beschreibt. Auf thüringer Wanderwege trifft das nicht zu. Und beim Radeln auf dem Mainradweg im Haßfurter Raum war mir die Grüßerei und Aufgeschlossenheit der Anwohner fast schon unheimlich – ich fürchtete schon, mit jemand verwechselt und gleich irrtümlich zum Kaffee eingeladen zu werden…
    Aber es stimmt schon – es gibt auch Gegenden mit anderer Mentalität.

  4. Olaf Weber sagt:

    Schöner Beitrag um eine fast belanglose Sache. Belanglos und völlig überflüssig schien mir jedenfalls ein Grüßen oder Zurückgrüßen in den ersten drei Jahrzehnten meines Lebens (von meiner Kindheit mal abgesehen). Nun, in der Mitte der Vierziger, als Vater zweier kleiner Kinder und Eigentümer eines Hauses, entdecke ich das Grüßen, zumindest bei Spaziergängen auf der Straße oder auf dem Land und den Sinn dahinter wieder. Nicht jeder grüßt zurück, das ist mir aber egal. Inzwischen halte ich das für ein wichtiges, an Andere gewandtes, Signal, mich als Teil einer Bürgergesellschaft zu identifizieren, die ein Mindestinteresse am Erhalt dieser Struktur hat. Habe mir nie zuvor Gedanken darüber gemacht, aber: Das Grüßen ist für mich inzwischen wieder wichtig geworden.

  5. Lisje Türelüre aus der Klappergasse sagt:

    Im großen und ganzen richtig beobachtet.
    Gott sei Dank gibt es noch eine Ausnahme: der Friedhof!
    Offensichtlich bewegt das gemeinsame Schicksal zum grüßen.

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