Im Deutschen Märchenwald

Deutscher Märchenwald, Altenberg

Nur eine halbe Stunde von Köln und etwas weiter von Bonn entfernt liegt der Deutsche Märchenwald gleich hinter dem Altenberger Dom im Bergischen Land. Die Idylle wurde 1931 von einem Herrn Wilhelm Schneider gegründet; noch heute sind Märchenwald und ein oberhalb liegender riesiger Gasthof in Privatbesitz, die Eintrittspreise  (3,- € Kinder, Erwachsene 4,50 €) beinahe auf dem dem Stand der Dreißiger Jahre wie fast die gesamte Anlage, die aus  Inszenierungen bekannter deutscher Märchen in kleinen Häuschen besteht, die jeweils Szenen der Handlung zeigen und große Puppen enthalten; dazu ertönt bei Bedienung eines Druckknopfes ein Tonband mit angenehm altmodischen Sprechstimmen, auch die Kinderstimmen sind glasklar zu verstehen.

Die einzelnen Häuschen laden zum Verweilen und Beobachten der Figuren aus den unterschiedlichen Blickwinkeln ein und lassen die Kinder zur Ruhe kommen. Sie drücken ihre Nasen an den Scheiben platt, schauen und lauschen. Nichts stülpt sich über sie. Zurückhaltend und zurückgenommen ist das bewährte Konzept.

Es ist kaum zu glauben, dass die Eigentümer der Versuchung widerstanden, eine disneyartige “Modernisierung” vorzunehmen, die Anlage auf den neusten Stand der technischen Dinge zu bringen, mit elektronischen und Lichteffekten zu bestücken und moderne Sprechstimmen zu verwenden.

Auch Fanartikel sucht man vergebens, ein paar Märchenteller lassen sich aber doch an der Kuchentheke erwerben neben Honig aus einer nahen Imkerei; gefällt man der netten Dame am Schalter, bekommt man ein Originalheftchen aus den Dreißiger Jahren mit dem Text der Heinzelmännchen zu Köln geschenkt.

Man lässt die Kinder in Ruhe, die Eltern in eine Zeitreise, die Verstaubtheit entrückt sanft. Einige Märchenszenen sind gar nur aus der Ferne zu beobachten, so das Märchen vom Froschkönig oder vom eisernen Heinrich, ein Märchen über die Treue: Die Treue zu sich selbst und anderen gegenüber. Darin kommt einer meiner Lieblingsverse vor:

Der Froschkönig, Deutscher Märchenwald Altenberg

Der treue Heinrich hatte sich so betrübt, als sein Herr war in einen Frosch verwandelt worden, dass er drei eiserne Bande hatte um sein Herz legen lassen, damit es ihm nicht vor Weh und Traurigkeit zerspränge. Der Wagen aber sollte den jungen König in sein Reich abholen; der treue Heinrich hob beide hinein, stellte sich wieder hinten auf und war voller Freude über die Erlösung. Und als sie ein Stück Wegs gefahren waren, hörte der Königssohn, dass es hinter ihm krachte, als wäre etwas zerbrochen. Da drehte er sich um und rief

“Heinrich, der Wagen bricht.”
“Nein, Herr, der Wagen nicht,
es ist ein Band von meinem Herzen,
das da lag in großen Schmerzen,
als Ihr in dem Brunnen saßt,
da Ihr ein Frosch wart.”

Zeit, darüber nachzusinnen, wie nah Märchen doch oft an seelischer und körperlicher Realität sind: Herzerkrankungen, so weiß man heute, rühren tatsächlich oft von gebrochenem Herzen, von großem Herzeleid her (“broken heart syndrome”). Nach einer äußersten psychischen Belastung, fällt oft der Blutdruck ab. Stresshormone versuchen dann, die Herzfrequenz zu steigern, indem sie die Gefäße enger stellen und damit den Blutdruck stabilisieren; ob Heinrich mit seinen drei “ehernen Bändern” dies auch versucht hat?

Die sieben Raben; Deutscher Märchenwald

Der Märchenwald muss Generationen erfreut haben. Eine junge Mutter mit zwei kleinen Söhnen erzählt freimütig: “Wir hatten einen Bauernhof und konnten natürlich nie nach Spanien fahren. Für die Kinder hieß das in den Ferien immer: ‘Auf nach Altenberg’! Jetzt ist sie total aufgeregt: “Ich hab gezittert, ob die Puppen noch an der selben Stelle sind und die Platte immer noch eine Kratzer an einer bestimmten Stelle hat!”

Wir schauen uns im Gasthof die kultige Wasserorgel an. Es wird verdunkelt, im Scheinwerferkegel erscheinen die Gebrüder Grimm, davor ein Halbrund aus Blumen und zu beiden Seiten eine Vielzahl feiner Fontänen, die im Rhytmus der Musik farbige Muster in die Luft zeichnen. Wer sich das bloß ausgedacht hat, ich tippe auf die Fünfziger Jahre.

Wasserorgel, Restaurant, Märchenwald

Der Märchenwald ist gut besucht, trotz des drögen Regenwetters, alles Schichten, wenig und gar nicht Betuchte sind besonders gut vertreten, der intensive Geruch billigen Waschpulvers zeigt es an. Doch irgendetwas stimmt hier nicht, will mir scheinen. Was ist es bloß? Hier ist die Zeit auch noch anderweitig stehen geblieben: Nicht eine einzige Migrantenfamilie, das ist es. Wie kann das sein? Dreißig Minuten von Köln entfernt?  Der Froschkönig, Schneewittchen und die sieben Zwerge, die Heinzelmännchen von Köln, Max und Moritz, sie alle begeistern offensichtlich nach wie vor – jedoch keineswegs alle.

Hänsel und Gretel, Glasfenster Restaurant, Märchenwald

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Eine Antwort zu “Im Deutschen Märchenwald”

  1. Torsten sagt:

    Oh, das ist ja schön, einen Blogartikel über diesen Märchenwald zu finden. Ich war da schon ewig nicht mehr. Muss ungefähr zwanzig Jahre her sein. Interessant zu erfahren, dass da immer noch alles beim Alten geblieben ist.

    Ob die Betreiber einfach nur Trends nicht mitmachen wollen oder ob eine Umgestaltung zu teuer werden würde, darüber kann man nur spekulieren. Schön zu hören ist es jedenfalls, dass auch heutige Kinder offensichtlich noch fasziniert sind, ohne dass dieser Märchenwald zu einer glamourösen Glitzertechnik-Welt geworden ist.

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