Mit ‘DVA’ getaggte Artikel

Sarrazin-Lesung ungekürzt

Dienstag, 11. Januar 2011

Der andauernde Erfolg eines der (oder schon “des”) meistverkauften Sachbücher der letzten Jahrzehnte weckt  Neid und Missgunst, besonders bei Vertretern der schreibenden Zunft. Beim SPIEGEL wird die Entstehung des Buches als “Unfall” umgedeutet, und der Verlag und natürlich die 1,2 Mio. Leser im Nachhinein benörgelt und gerügt. In humorloser, korinthenköttelnder Manier besorgte das Jan Fleischhauer (Heft 51/2011, S. 40 ff.): “Zu erzählen ist die Geschichte eines Ungeheuers zwischen Buchdeckeln, das alle überwältig hat – den Autor, die Kritiker und erst recht den Verlag, der es freisetzte.”

Jan Fleischhauer. Sarrazin-Buch - verhängnisvoller Zufall; Quelle: wikimedia commons

Jan Fleischhauer. Sarrazin-Buch - "verhängnisvoller Zufall" (Bild-Quelle: Wikimedia Commons)

Fleischhauer zeichnet ein bejammernswertes Portrait des Chefs der DVA (Deutsche Verlagsanstalt), Thomas Rathnow, vom Erfolg des Buches “Deutschland schafft sich ab” völlig überrumpelt, ja gezeichnet. “Er will sich nicht öffentlich von dem Autor distanzieren, der ihm so viel Geld einbringen wird, dass er davon schlecht verkäufliche Bücher finanzieren kann. Aber er schafft es auch nicht, den Text richtig zu verteidigen.”

Dumm für den Spiegel, dass der DVA-Chef den Pudding macht und sich nicht an die Wand nageln lässt. Ist doch eigentlich auch nicht nötig nach den Verkaufszahlen. Fleischhauer beklagt Rathnows Interviewverweigerung und sein Sträuben, sich von dem eigenen  Bestsellerautor zu distanzieren. Wenn der Spiegel jemanden zur öffentlichen Selbstgeißelung und Selbstbezichtigung bittet, muss man als Verlagschef dem Begehren doch mannhaft Folge leisten, dachte sich Fleischhauer wohl. Wenn nicht, nun, so muss es sich bei dem Buch um “die Geschichte eines verhängnisvollen Zufalls” handeln. Jaja, doch doch, und jetzt beginnt die Spiegelgeschichte vor falschem Mitleid zu triefen: “Ein Griff, von dem andere Verleger ein Leben lang träumen und der ihm [Rathnow] nun den Schlaf raubt. Ein Lektor hatte Sarrazin in einer Talkshow gesehen und draufhin angeschrieben, ob man nicht  einmal reden wolle. Niemand habe ahnen könne, was daraus wird, sagt Rathnow erschöpft. Den Namen des Kollegen möchte er lieber nicht nennen, der Mann will sich nicht auch noch in der Presse wiederfinden.

Der Verlag habe sich eigentlich einen Text über den deutschen Sozialstaat gewünscht. “Von Ausländern sei am Anfang nie die Rede gewesen, sagt der Verleger” … Und so nahmen die Erschröcklichkeiten ihren verhängnisvollen Verlauf.

Der Interviewer, ein verkappter Chefankläger, dem Interviewten fehlt jedes Zeug zum Widerstandskämpfer, da kommt Mitleid auf, unversehens assoziiert man zwei Weicheier beim Eiertanz, das kann nicht gut gehen! (weiterlesen…)